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Der Franzose Patrick Depailler war schon viele Jahre als schneller und
zuverlässiger Formel 1 Fahrer bekannt, ohne dass er allerdings den Sprung zum
unumstrittenen Spitzenfahrer geschafft hätte.
Als er dann 1979 endlich ganz vorne mitfuhr, zog er sich Mitte der Saison
ausserhalb des Autorennsports eine schwere Verletzung zu, die ihn für den Rest
des Jahres ausser Gefecht setzte.
Im Massif-Central, vor den Toren seiner Heimatstadt Clermont-Ferrand, hatte sich
Patrick Depailler -in seiner Eigenschaft als Hobby Drachensegler- vom 1465 Meter
hohen Vulkankegel Puy de Dome gestürzt und war gegen einen Felsen gesegelt.
Diagnose: dreifacher Bruch des rechten Handgelenks, doppelter Bruch des rechten
Oberschenkels. Bruch des linken Fussknöchels. Allein die erste Operation dauerte
fünf Stunden.
20 WM Punkte hatte der Franzose bis zu seinem Unfall auf seinem Konto und lag
damit 10 Punkte hinter Jody Scheckter auf dem dritten Rang des
WM-Zwischenklassements der Saison 1979. Es ist sicherlich nicht übertrieben,
wenn man rückblickend behauptet: Patrick Depailler hatte 1979 reelle
Titelchancen.
Als Gewinner des Formel 3 Rennens in Monaco hatte sich Patrick Depailler bereits
1972 für höhere Aufgaben empfohlen und bekam tatsächlich noch im selben Jahr
zweimal einen Tyrrell F1 angeboten, um erste WM Luft zu schnuppern. Das Debut am
2. Juli 1972 brachte auf seiner Hausstrecke, dem Circuit Charade bei
Clermont-Ferrand, einen unauffälligen 20. Platz mit fünf Runden Rückstand auf
seinen Teamkollegen Jackie Stewart, der das Rennen gewann. Seine zweite Chance
erhielt er drei Monate später in Watkins Glen. Im Training liess er 20 Kollegen
hinter sich, darunter auch grosse Namen wie Jacky Ickx, Carlos Pace oder Mike
Hailwood, den Ex Motorrad Weltmeister. Diesmal verlor er nur eine Runde auf
Jackie Stewart, der wieder siegte. Als siebtplazierter verpasste Depailler
seinen ersten WM Punkt nur denkbar knapp. Trotz der überzeugenden Vorstellung
gab es zunächst keinen Formel 1 Vertrag für ihn. Er hielt sich in der Formel 2
in Form.
Aber auch ein Sieg auf der Nordschleife des Nürburgrings und ein dritter Platz
im Europameisterschafts Endklassement hätten Patrick Depailler noch keinen
Formel 1 Vertrag eingebracht, wenn nicht ein tragischer Schicksalsschlag
eingetreten wäre: Am 7. Oktober 1973 verunglückte der Franzose Francois Cevert
in Watkins Glen, der Stätte seines ersten und einzigen Grand Prix Sieges,
tödlich. Kurzfristig musste ein Nachfolger gefunden werden und Ken Tyrrells Wahl
fiel, sicherlich auch vom französischen Sponsor Elf beeinflusst, auf Patrick
Depailler.
Als Nr. 2 verpflichtet, lernte der Franzose gleich in seiner ersten Formel 1
Saison, was sich hinter dem Begriff "Stallregie" verbirgt. Auf Anordnung
Tyrrells kreuzte er in Anderstorp im Windschatten von Jody Scheckter, der
offiziellen Nummer 1 und Stewart Nachfolger, die Ziellinie als Zweiter.
Insgesamt gab es 14 Punkte für den 30-jährigen, der sich zusätzlich über eine
erfolgreiche Formel 2 Saison freuen durfte. Vor dem Deutschen Hans Joachim Stuck
wurde Patrick Depailler F2 Europameister 1974.
Vier weitere Jahre blieb Depailler dem Tyrrell Team treu. Dabei machte er sich
besonders um den revolutionären Sechsrad Tyrrell P 34 verdient, der bei den
ersten Tests von Jody Scheckter skeptisch beurteilt wurde, weshalb die meisten
Tests Depailler absolvierte.
Den ersten Sieg gab es aber erst zu einer Zeit als der Tausendfüssler bereits im
Museum stand. Ausgerechnet in Monte Carlo 1978, wo mehr zum Siegen gehört als
auf den meisten anderen Strecken, stand Patrick Depailler zum erstenmal zuoberst
auf dem Podest.
Vom fünften Startplatz aus katapultierte er sich auf den ersten Metern des 75
Runden Grand Prix nach vorne auf Rang 2 hinter den Iren John Watson. Bereits in
der Startrunde nahm das französisch-irische Gespann dem nachfolgenden Feld 200
Meter ab. Der Vorsprung vergrösserte sich mit Fortdauer des Rennens, doch an der
Reihenfolge Watson, Depailler änderte sich zunächst nichts. 66. Grand Prix
Schlachten hatten den Franzosen "weise" gemacht, offensichtlich sah Patrick
Depailler keinen Grund, in diesem Stadium des Rennens eine Entscheidung
herbeizuzwingen. Im Leitplankenkanal von Monte Carlo ist jeder Überholvorgang
mit einem Risiko verbunden.
Das Problem Watson erledigte sich für Patrick Depailler dann später ganz von
allein. Der Brabham Fahrer bekam ernsthafte Schwierigkeiten mit den Bremsen
seines Wagens und konnte so dem Druck des Franzosen nicht länger standhalten.
Als John Watson in der 38. Runde vor der Hafenschikane nicht mehr die
erforderlichen Verzögerungswerte erreichte und den Notausgang nehmen musste,
nutzte nicht nur Depailler, sondern auch der unterdessen aufgerückte Niki Lauda
die Gelegenheit zu einer Positionsverbesserung. Jetzt fuhr man in der
Reihenfolge Depailler, Lauda, Watson rund um das Casino. Patrick Depailler hatte
den Sieg zwar vor Augen, doch Kyalami war noch in schlechtester Erinnerung des
Franzosen.

Im März dieses Jahres hatte Patrick Depailler auf dem südafrikanischen Kurs von
der 64. bis in die 78. und letzte Runde geführt und wurde dann noch von Ronnie
Peterson abgefangen. Jetzt spürte er den heissen Atem von Niki Lauda im Nacken.
Ende der 46. Runde konnte er jedoch behutsam anfangen an seinen ersten GP Sieg
zu glauben, denn Lauda bog ausgangs der Rascasse in die Boxengasse ab. Während
sich Niki Lauda die Reifen wechseln liess, enteilte der Franzose. Auch wenn
Lauda nach seinem Boxenstopp noch einmal gewaltig Druck machte: Nach neun
zweiten Plätzen sah Patrick Depailler als Erster die Schachbrett Flagge.
Die Freude im Team schien grenzenlos, denn auch Ken Tyrrell hatte ungewöhnlichen
Grund zum Feiern: Der letzte Sieg eines seiner Wagen lag fast zwei Jahre zurück.
Auf den nächsten Sieg sollte er übrigens vier Jahre warten müssen. Las Vegas
1982 mit Michele Alboreto. Der letzte Sieg eines Tyrrells war 1983 in Detroit
ebenfalls mit Michele Alboreto am Steuer.
Die Saison 1978 beendete Patrick Depailler als Fünfter mit 34 WM Punkten.
Sechs Jahre bei Ken Tyrrell waren offensichtlich genug für den Franzosen, denn
im Herbst sprang Depailler erstmals auf das Transferkarussell und unterschrieb
bei Guy Ligier.
Schon bei den winterlichen Testfahrten in Le Castellet stellte sich heraus, dass
der neue Ligier JS 11 eine überdurchschnittliche Konstruktion war. In Buenos
Aires spielten die beiden Ligier Fahrer Jacques Laffite und Patrick Depailler
mit der Konkurrenz "Katz und Maus". Während Laffite siegte kam Depailler "nur"
als Vierter ins Ziel, weil er wenige Runden vor Schluss einen Boxenstopp hatte
einlegen müssen, um Kühlwasser nachfüllen zu lassen.
In Interlagos gab es dann einen Doppelsieg in der Reihenfolge Laffite, Depailler
- die Formel 1 wandelte sich unerwartet zur Formule-France. Vater des Erfolgs
war Ligier Chefkonstrukteur Gérard Ducarouge, (in den 80er Jahren bei Lotus mit
Ayrton Senna) der später auch auch in anderen Teams die Formel 1 Autos auf
Vordermann bringen sollte. Ducarouge, von Hause aus Luftfahrt-Ingenieur, hatte
zuvor bei Matra Raketen das Fliegen gelehrt.
In Kyalami riss der Faden des Erfolges, als beide Fahrer durch Unfälle
ausfielen. Dieses Rennen sowie der WM Lauf in Long Beach, der Depailler als
Fünften sah, waren jedoch nur die Ruhe vor dem Sturm, denn bereits in Jarama war
die Überlegenheit südamerikanischer Tage wieder hergestellt: Depailler siegte
souverän. Es war der zweite Sieg des Franzosen und zugleich der letzte,
plötzlich zählte er zu den WM Favoriten 1979, auch wenn Zolder wieder einen
Ausfall brachte. In Monaco, der Stätte seines ersten Triumphes, wurde er
Fünfter. Bevor mit dem Grand Prix von Frankreich in Dijon die Rückrunde im Kampf
um den WM Titel 79 begann, wollte sich Patrick Depailler als Drachenflieger die
Zeit vertreiben. Bis die Sturzverletzungen ausgeheilt waren, war die Saison
längst vorüber. Der langwierige Heilungsprozess war aber abgeschlossen als das
Rennjahr 1980 begann.
Sein neuer Arbeitgeber war Alfa Romeo, die Italiener hofften auf die grosse
Erfahrung Depaillers. Der Neuanfang war schwer, doch schon im dritten WM Lauf
der Saison zeigte ein siebter Startplatz dass es aufwärts ging. Selbstvertrauen
und Kraft kamen zurück und in Long Beach reichte es bereits für den dritten
Startplatz. Der Alfa Romeo 179 erwies sich jedoch als sehr unzuverlässig.
Ausfall folgte auf Ausfall.

Um den deutschen Grand Prix in Hockenheim gut vorbereitet in Angriff zu nehmen,
führte Alfa Romeo am 1. August Testfahrten in Hockenheim durch. Aus nie
geklärten Gründen -wahrscheinlich dichtete eine der Schürzen nicht richtig und
der Groundeffekt ging verloren- fuhr Patrick Depailler in der langgezogenen
Ostkurve geradeaus. Bei ca. 270 km/h hatte der Pilot damals keine
Überlebenschance, als der Alfa Romeo an der Leitplanke zerschellte.
Auf den Tag 21 Jahre, nachdem der französische Formel 1 Pilot Jean Behra auf
einer deutschen Rennstrecke sein Leben liess, starb Patrick Depailler in
Hockenheim. Wenige Tage vor seinem 36. Geburtstag wurde er in Clermont Ferrand
zu Grabe getragen.
Neun Tage später erinnerte während des Rennwochenendes im Badischen nicht einmal
eine Gedenkminute an den grossen Kämpfer. "Das ist ja bei privaten Tests
passiert und nicht im offiziellen Training!" meinte der onehin eher auf simple
Spässe spezialisierte Streckensprecher - wohl im Einvernehmen mit dem
Veranstalter.

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