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Kein Zweifel, die
eiligste Dreifaltigkeit in der Formel 1 der frühen neunziger Jahre ist die von
McLaren, Williams und Benetton. Nur: die Wege, die in der totalen Herrschaft der
Grossen Drei über den Rest der Grand Prix Welt mündeten, verliefen ganz
verschieden. Am süffigsten liest sich zweifellos die McLaren Saga, zwar durchaus
nicht frei von Rückschlägen, Reinfällen und Rohrkrepierern. Sie zerfällt in drei
Kapitel: der Pionier, die Nachlassverwalter, der Neuerer.
Der Pionier: Bruce McLaren selbst, Rennfahrer von Rang und 1966 Mann der ersten
Stunde. Als er am 2. Juni 1970 beim Testen in Goodwood sein früh vollendetes
Leben liess, herrschten Trauer und Konsternation. Aber die Show ging weiter. Die
Nachlassverwalter: Männer wie Phil Kerr und Teddy Mayer, der das Team mit den
beiden Weltmeisterschaften für Emerson Fittipaldi 1974 und James Hunt 1976 auf
Gordon Coppucks Erfolgskeil M 23 ersten Gipfeln zuführte. Aufstieg und Fall Ende
der Siebziger war die Sollbruchstelle zum unsäglichen erreicht. McLaren
Siebenter in der Konstrukteurenwertung. Der Neuerer Mister McLaren der Zweite,
Ron Dennis.
Mit
ihm kamen 1980 Frühjahrsputz und Revirement, der neue Stil für die verbleibenden
Jahre des Jahrtausends.
Und mit ihm kam Star-Designer John Barnard. Am 6. März 1981 stellte er der
Presse in Silverstone bei strömendem Regen sein klug erdachtes Modell MP4 vor.
Werkstoff fürs Monocoque: Kohlefaserlaminate. An den MP4 und seine Abkömmlinge
knüpft sich eine Chronik der Superlative: bis 1991 sieben Fahrerchampionate
(Lauda/Prost/Senna) und sechs Konstrukteurstitel, aber auch 15 von 16 möglichen
Grand Prix Siegen von 1988. Nur der Rempler von Schlesser in Monza an Ayrton
Senna verhinderte den totalen Triumph von allen GP Siegen in einer Saison.
Dabei ist Dennis eher bewahrender
Denkungsart: Erst spät mochte er sich zu High Tech Tops wie aktive Aufhängung
und automatischem Getriebe durchringen. 1993 aber, nachdem ihm alle sein
Technologie Defizit und eine verspätete und verfehlte Motorenwahl (Peugeot)
hämisch angekreidet hatten, war er einfach wieder da. Und auch der grosse Ayrton
Senna kam aus dem Nichts seines selbst auferlegten Exils und gewann drei von den
ersten sechs Grand Prix 1993.

Williams
Wie der von Ron Dennis,
wurde der Name von Frank Williams anfänglich als kleine Münze gehandelt im
Umfeld des Grand Prix. Ein Aufsteiger aus der Formel 2, mit ein paar
respektablen Ergebnissen auf seinem Konto. Die Formel 1 jedoch, das war eine
andere Welt. Da würde er zeigen müssen, was in ihm steckte. Das tat Williams,
aber der Aufstieg war lang und dornig. Und er begann schlimm, als sein Pilot und
Freund Piers Courage beim Grossen Preis von Holland 1970 in Zandvoort im
Monoposto verbrannte, den Williams für den Argentinier Alejandro de Tomaso
einsetzte. Noch heute erinnert ein verstaubter Zwilling des Unglücksautos in de
Tomasos Sportwagenschmiede in Modena an den schwarzen Tag von Zandvoort. Immer
am Rande des Ruins, griff der Brite auch später nach allem, was vier fette Räder
hatte und verfügbar war: dem Politoys, dem March 721, dem ISO, der Erbmasse aus
dem Rennstall des beleibten und exzentrischen Lords Alexander Hesketh, als
dieser Lust und Laune an der Formel 1 verloren hatte und auch ein paar Pfunde
Sterling versteht sich.
Clay Regazzonis Sieg in Silverstone im juli 1979 auf dem Williams FW 07 war dann
der Beginn einer erfolgreichen Zeit im Grand Prix Sport.
1980
wurde Alan Jones Weltmeister auf Williams, ebenso knapp wie Keke Rosberg 1982.
Längst waren Frank Williams und sein Konstrukteur Patrick Head zusammengewachsen
zu einem formidablen Gespann. Und diese Allianz hält bis heute. Dass Williams
seit dem 8. März 1986 nach einem Autounfall unweit des Kurses von Le Castellet
an den Rollstuhl gekettet ist, änderte nichts an der magischen Präsenz im Grand
Prix Sport. Nur muss alles Spätere als Triumph der reinen Ambitionen angesehen
werden, eines Willens ohne Körper wie es der österreichische Journalist Helmut
Zwickl ohne jede makabre Ironie genannt hat.
Frank Williams ist bekannt für seine Entschlusskraft, seine Fähigkeiten und
seinen Mut, mit dem er sich nach seinem Unfall kurz vor der Formel 1 Saison 1986
wieder hochkämpfte. Natürlich musste er bei den meisten Formel 1 Rennen passen,
war aber bei allen Rennen im Jahre 1987 wieder voll dabei, als sich das Williams
Team die Driver und Constructors Championship holte.
Frank Williams Verbindung mit dem Motorsport begann Mitte der 60er Jahre hinter
dem Steuer eines Austin A40, später fuhr er dann einen Brabham Formel 3. Obwohl
er in Skandinavien gewann, erkannte er bald, dass seine wirklichen Talente in
der Vorbereitung und im Management lagen.
Die Formel 1 war immer sein Ziel. Vorerst leitete er aber sein eigenes Formel 2
Team mit seinem engen Freund Piers Courage als Pilot. Sein Einstieg in die
Formel 1 mit Piers Courage 1969 gelang mit einem privaten Brabham. Ihre
Anstrengungen wurden mit einem zweiten Platz in Monaco und Watkins Glen sowie
einem achten Platz in der Konstrukteurs WM belohnt.
Das Schicksal schlug 1970 zu, als Piers Courage in einem Williams Tomaso in
Zandvoort tödlich verunglückte. Frank Williams kämpfte trotz dieses persönlichen
Verlustes weiter und fuhr mit Piloten wie Henri Pescarolo und Carlos Pace auf
privaten March Formel 1. Die Sponsoren waren Iso und Polytoys. Williams hatte
stets mit unzureichenden Budgets zu kämpfen und manchmal waren Optimismus und
Zuversicht der einzige Antrieb weiter zu kämpfen.
1976 zeichnete sich durch die Partnerschaft mit dem Öl Baron Walter Wolf eine
Lösung ab, doch trennten sich die beiden schon nach einem enttäuschenden Jahr
der Zusammenarbeit. Wolf übernahm sämtliche Aktivposten und Frank Williams
musste von vorne anfangen. Sein neues Team: Williams Grand Prix Engineering,
besorgte für den Piloten Patrick Neve einen March und Williams rekrutierte
einige seiner treuesten Mitarbeiter, sowie einen vielversprechenden Rennwagen
Ingenieur namens Patrick Head.
Head begann mit in der Entwicklung des Grand Prix Wagen FW06 für 1978 und
Williams hatte genug Sponsoren gefunden um Alan Jones davon zu überzeugen seinem
Team beizutreten. Von diesem Zeitpunkt an ging es bei Williams aufwärts.
1979 fuhr Alan Jones weiterhin als Nummer 1 Pilot und neu kam Clay Regazzoni als
Nummer 2 zu Williams. Im britischen Grand Prix von Silverstone führte Alan Jones
und es sah nach dem ersten Grand Prix Sieg für Frank Williams aus, als ihn ein
Defekt zur Aufgabe zwang. Aber jetzt führte Clay Regazzoni und gab diese Führung
bis zum Schluss nicht mehr ab und fuhr überlegen zum ersten Grand Prix Sieg für
das Team von Frank Williams. Der Aufwärtstrend hielt an und Alan Jones gewann 4
der restlichen 6 Grand Prix. Die 80er Jahre wurden von Williams geprägt, sein
Team war es das besiegt werden musste. 1980 wurde Alan Jones Champion und den
Konstrukteurs Titel holte man sich in den Jahren 1980,1981,1986 und 1989.
1982 hoffte das Williams Team als erster Hersteller den Konstrukteurs Titel zum
dritten Mal hintereinander zu holen, es sollte nicht sein, doch gewann der neu
verpflichtete Keke Rosberg den Grand Prix der USA in Las Vegas.
Im Jahre 1983 ging die Epoche der Saugmotoren zu Ende. Es wurde ein mühsames
Jahr für das Williams Team, einzig in Monaco gewann noch einmal Keke Rosberg,
danach war die Zeit der Saugmotoren bis auf weiteres abgelaufen. In Oesterreich
gab Frank Williams seine neue Partnerschaft mit Honda bekannt und die
englisch-japanische Turbo Kombination hatte in Kyalami ihren ersten Auftritt.
1984 machte sich das Team die ersten Erfahrungen mit dem Turbo und feierte einen
Sieg von Keke Rosberg im glühendheissen Dallas.
1985 erschien das Team mit einem neuen, bunten Image; Keke Rosberg erhielt einen
neuen Team Partner, Nigel Mansell. Jacques Laffite kehrte zu seinem früheren
Arbeitgeber zürück, zu Ligier Renault. Die Saison kam nur langsam in Schwung,
aber erreichte neue Höhepunkte, als die beiden die höchste Stufe des
Siegerpodests nicht weniger als viermal besteigen konnten. Keke Rosberg siegte
in Detroit und zum Abschluss der Formel 1 Saison 1985 in einem turbulenten
Rennen in Adelaide. Das war zugleich der letzte Sieg von Keke Rosberg. Nigel
Mansell fuhr seinen ersten GP Sieg im heimischen Brands Hatch entgegen und
doppelte gleich danach in Kyalami nach.
1986 kam neu Nelson Piquet zum Team von Frank Williams und siegte gleich beim
Auftaktrennen in Rio de Janeiro. Nigel Mansell und Nelson Piquet lieferten sich
bis zum Schluss ein Kopf an Kopf Rennen um die Weltmeisterschaft, aber der
lachende Dritte war Alain Prost in seinem McLaren TAG Turbo. In Adelaide, dem
letzten Rennen der Saison, fuhr Nigel Mansell auf dem sicheren dritten Platz,
was zur Weltmeisterschaft gereicht hätte, als ihm bei 250km/h der Reifen
platzte. Aus der Traum vom ersten Englischen Weltmeister seit James Hunt 1976.
1987 rang Williams Pilot Nelson Piquet seinen Teamkollegen Nigel Mansell nur mit
knapper Not nieder. Im Jahr darauf verlor man den erfolgreichen Honda Turbo an
McLaren. Williams hatte 1988 keinen Werksmotor mehr und musste mit Kundenmotoren
von John Judd fahren. 1989 kam der Wechsel zu Renault, welche sich 1986 mit dem
Turbomotor aus der Formel 1 verabschiedet hatten. 12 Jahre nach dem Debut von
Renault in der Formel 1, kamen die Turbo Pioniere mit einem 10 Zylinder zurück.
Ausgerechnet jener Hersteller den Frank Williams in Silverstone 1977 als
Pfeifende Teekanne verspottet hatte.
1991 verpasste man den WM Titel knapp, aber 1992 waren Nigel Mansell und der
Williams FW14B mit aktivem Fahrwerk nicht mehr zu stoppen und man holte sich
überlegen den Fahrertitel und den Konstrukteurstitel.

Renault
Der erste Sieg des neuen Renault V10 in Montreal 1989
In Silverstone 1977 läutet Renault
das Turbo-Zeitalter ein. Der Mut der Franzosen, mit einem aufgeladenen 1.5
Liter-Sechszylinder-Motörchen Formel 1 Geschichte zu schreiben, wird von den
englischen Garagisten belächelt. Auch von Williams. Die "Frogs" waren echten
Briten schon immer suspekt.
Zwei Jahre nach der Turbo Premiere herrscht im GP Zirkus Alarmstufe eins. Nach
dem ersten Renault Sieg von Jean-Pierre Jabouille 1979 in Dijon ahnt jeder, dass
den Saugern die Luft ausgeht. Bernie Ecclestone und seine Vasallen würden den
Turbo am liebsten verbieten. Sie stöhnen: "Der Turbo ist zu teuer. Die Kosten
fressen uns auf."
Renaults Revolution ändert das Gesicht der Formel 1. Aus Bastlern werden
Industriebetriebe, aus Überlebenskünstlern mit dünner Finanzdecke Unternehmen
mit 20 oder 30 Millionen-Dollar-Budgets und mehr als 100 Angestellten. Das
Ungerechte dabei: Renault, die Firma, die soviel für die Formel 1 getan hat,
fährt immer am Weltmeistertitel vorbei. Die Früchte ernten andere: BMW, Porsche,
Honda.
Ende 1986 steigt der Turbo Pionier Renault wieder aus. Weil sich McLaren für den
TAG-Porsche und gegen Renault entscheidet, löst der Vorstand die Rennabteilung
auf. Zurückbleiben Motorenchef Bernard Dudot und eine Handvoll Aufrechter. Sie
konstruieren unverdrossen einen Zehnzylinder-Saugmotor für die Schublade. Dort
liegt er genau ein Jahr.
Im März 1988 gibt Renault grünes Licht für einen zweiten Anlauf auf den
WM-Titel. Diesmal sind die Franzosen nicht die Vorreiter. Bernard Dudot gesteht:
"Honda hat ein Jahr Vorsprung." Renault zieht die Lehren aus den Fehlern der
Turbo Ära. Auf den Bau eines eigenen Autos wird verzichtet. Man verzettelt sich
nicht mehr mit einem grossen Kundenkreis wie 1986, als Lotus, Ligier und Tyrrell
mit Turbo Power von Renault unterwegs waren, sondern gibt den V10 nach dem
Vorbild von Honda exklusiv an nur einen Partner.
Den Zuschlag erhält Williams. Der englische Rennstall hat einen tiefen Fall
hinter sich. In den Jahren 1986 und 1987 spielt Williams Honda die Rolle die
heute Ferrari oder McLaren besetzen. Nigel Mansell und Nelson Piquet gewinnen in
zwei Jahren nicht weniger als 18 von 32 Grand Prix. Trotzdem zieht Honda die
Motoren von Williams ab und liefert sie an McLaren. Frank Williams und Patrick
Head, die starken Männer im Team, waren den Japanern zu unabhängig. Sie lehnten
Satoru Nakajima als Fahrer ab, sie weigerten sich, in das erbitterte Stallduell
Mansell gegen Piquet einzugreifen, und sie vergeigten aus diesem Grund 1986 die
Fahrer WM.
Williams sucht nach Ersatz, wird aber nicht fündig. Gespräche mit Porsche nach
dem Grand Prix von Italien 1987 enden in der Sackgasse. Die Schwaben fordern für
die Entwicklung eines V12 Motors 20 Millionen Pfund. Das ist für Williams zu
teuer. Als Ausweg bleibt nur John Judd. Mit dem englischen Motorentüftler stürzt
Williams 1988 in die Mittelmässigkeit ab, einzig Nigel Mansells zweiter Platz
1988 in Silverstone brachte etwas Licht ins Dunkle - bis Renault neue Hoffnung
bringt.
Lotus und Ligier blitzen mit ihren Bittgesuchen in Paris ab. Den Zuschlag erhält
Williams, obwohl es ein schwerwiegendes vertragliches Problem gibt: Renault ist
mit dem Mineralöl Konzern elf genauso verheiratet wie Williams mit Mobil. Die
Liaison mit elf hatte Renault schon bei den Verhandlungen mit McLaren ein Bein
gestellt, weil sich Ron Dennis nicht von seinem Partner Shell trennen wollte.
Williams und Renault einigen sich schliesslich auf elf. Mobil wird, wie bei
Formel 1 Geschäften üblich, anständig abgefunden.
Der erzbritische Frank Williams, der die Franzosen im Grand Prix Zirkus früher
immer mit gelindem Argwohn betrachtet hat, so wie man das tut wenn man
aufrichtiger Engländer ist, hält von Renault heute grosse Stücke: "1990 haben
sie Honda eingeholt." Renault geht mit der richtigen Einstellung an diese
Aufgabe. In der ersten Saison des V10 lösen drei Evolutionen den Urmotor ab. In
Imola gibt es eine neue Einspritzung, in Paul Ricard geänderte Brennräume und
Nockenwellen und in Monza Modifikationen am Kurbelgehäuse. 1990 soll ein völlig
neuer Motor aufgebaut werden.
Honda präsentiert im Vergleich dazu fünf Motorspezifikationen, wobei aber die
ersten beiden Versionen nie eine Rennstrecke gesehen haben und schon im
Versuchsstadium eingemottet wurden.
100 Mann, davon 18 Ingenieure, arbeiten unter der Regie von Bernard Dudot
ausschliesslich für den Zehnzylinder. Bei Honda sind es 140, bei Ferrari 65, bei
Lamborghini 60 und bei Ford 40. Die Computerwand der Telemetrie von Renault
braucht sich vor der Anlage von Honda nicht zu verstecken. Bernard Dudot sieht
den Pulsschlag seines Motors auf jedem Kilometer der Strecke in Form einer wild
auf und ab zackenden Kurve auf einem Farbmonitor.
Der französische Renault V10 ist technisch der interessanteste Motor der neuen
Generation. Wie schon beim Turbo werden die Ventile pneumatisch geschlossen.
Eine Pressluftflasche, die ständig unter einem Druck von 250 bar steht, betreibt
das unkonventionelle System. Mit 67 Grad hat der Renault V10 auch den
ungewöhnlichsten Zylinderwinkel. 72 Grad wären im Sinne einer optimalen
Zündfolge der Normalfall. Bernard Dudot begründet seine Konstruktion mit dem
besten Kompromiss: Den Motor auf der einen Seite schmal zu halten und
andererseits die Torsionsschwingungen zu senken. Für den Antrieb der Nockenwelle
vertraut Renault nach alter Tradition des Hauses auf Zahnriemen.
Gerade der Riementrieb sorgt in der Anfangsphase der Saison für einige
Motorschäden. Riccardo Patrese steigt in Imola und Rio wegen zerfetzter
Zahnriemen aus. Dazu kommen chronische Getriebeprobleme bei Williams.
Konstrukteur Patrick Head gibt zu: "Unsere Qualitätskontrolle hat nicht
funktioniert."
Williams startet in die Saison 1989 mit einem Interimsmodell, das nach
aerodynamischen Gesichtspunkten veraltet wirkt: Das Auto ist zu gross und zu
schwer. Thierry Boutsen erklärt den Teufelskreis der den alten Williams bremst:
"Das Chassis baut zu wenig Abtrieb auf. Also müssten wir mit viel Flügel fahren,
um das auszugleichen. Das geht aber nicht, weil der Honda Motor 30 PS mehr hat
und McLaren uns dann auf der Geraden davonfahren würde. Also müssen wir mit
einem Kompromiss aus wenig Abtrieb für bessere Höchstgeschwindigkeit leben."
Vor
Saisonbeginn kündigt Williams das neue Auto an. Doch das Debüt wird immer weiter
hinausgeschoben: zuerst Paul Ricard, dann Hockenheim, dann Spa. Tatsächlich
dauert es bis Estoril, wo der Williams FW 13 Rennpremiere feiert. Frank Williams
übt sich in Selbstkritik: "Wir haben unsere Kapazitäten überschätzt. Mit 135
Leuten ist es nicht möglich, zwei Projekte parallel zu betreiben." Im Sommer
verzögert der Urlaub vieler Mitarbeiter den Aufbau der neuen Autos. Formel 1
Insider sagen: Das ist der Unterschied zwischen Williams und McLaren. Ron
Dennis würde seinen Leuten nie Urlaub geben, bevor das neue Auto nicht fertig
wäre."
Thierry Boutsen verrät: " Williams wollte ein ganz besonderes Auto bauen. Sie
waren sogar in zwei verschiedenen Windkanälen, um so viele Daten wie möglich zu
bekommen." Chefingenieur Patrick Head begründet die Verzögerung so: "Du kannst
keinen neuen Rennwagen bauen, wenn du die Probleme des alten noch nicht
verstanden hast."
Williams-Renault ist nach Einschätzung von Head das drittgrösste Team der Formel
1: hinter Ferrari und McLaren-Honda. "Wir sind finanziell gesund, haben aber
keine unbeschränkten Mittel. Das schränkt uns beim Bau des neuen Autos ein." Mit
Boutsen und Patrese hat Williams zwei Fahrer beschäftigt, die noch nicht, oder
nicht mehr zu den Grossen in der Formel 1 zählen. Frank Williams bricht eine
Lanze für seine schnellen Angestellten: "Gib Boutsen und Patrese einen McLaren-Honda,
und sie gewinnen genauso viele Rennen wie Senna und Prost."
Patrick Head ist Patrese Fan. Der Italiener verkörpert für ihn den idealen
Rennfahrer: schnell, arbeitswillig, billig. Das Geld, das ein Star kostet,
könnte man laut Patrick Head genausogut in die Technik stecken. Der stämmige
Engländer gibt aber zu: "Die teuersten Fahrer gewinnen auch die meisten Rennen."
Die Statistik beweist das. In den letzten 53 Rennen vor Montreal haben fünf
Fahrer die Siege unter sich aufgeteilt: Prost (15), Senna (15), Mansell (12),
Piquet (7) und Berger (4). In Kanada sieht es lange so aus als könnte sich die
Serie fortsetzen. Zwar sind Prost, Berger und Mansell durch technische Defekte
bereits ausgeschieden, und Piquet kämpft ohne Hoffnung auf den Sieg um Platz
vier, aber dafür schwimmt Ayrton Senna wieder mal am sichersten durch den
Dauerregen. Sein Einsatz wird nicht belohnt. Drei Runden vor Schluss geht der
Honda Motor vor der Haupttribüne fest. Der Jubel des Publikums trifft Senna wie
eine Ohrfeige. Honda Techniker stellen später fest: "Der Motor ist trocken, das
Öl ist fast völlig verbraucht." Senna versucht einen Scherz: "Ohne Öl läuft
nicht mal ein Honda Motor."
Williams-Renault profitiert von dem Senna Pech und landet in McLaren Manier
einen Doppelsieg. Thierry Boutsen gewinnt seinen ersten Grand Prix vor seinem
Teamkollegen Riccardo Patrese. Das Rennen von Thierry Boutsen ist kurios. Er
verliert bei einem liederlichen Boxenstopp viel Zeit, dreht sich bei 250 km/h,
als ihm die Wassermassen für Sekunden die Sicht rauben, und wird beim Angriff
auf Patrese aufs Gras abgedrängt.
Riccardo Patrese handelt sich für die unnötige Blockade den Tadel der
Teamleitung ein. Thierry Boutsen glaubt an sein Glück erst, als er die
Boxentafel P1 zum zweiten Mal sieht. "Ich weiss nie, wie ich im Rennen liege,
und Sennas Ausfall habe ich gar nicht mitgekriegt." Es gibt keinen, der dem
immer freundlichen Belgier den Sieg nicht gönnt; Thierry Boutsen ist ein
populärer Sieger. Jubel auch bei Renault: Der erste Erfolg mit dem Saugmotor
gelingt schon im sechsten Rennen. Mit dem Turbo haben die Franzosen viermal so
lange gebraucht.

Ferrari
Der erste Sieg mit dem automatischen Getriebe in Rio 1989
Die ersten Fotos vom
Saugmotor-Ferrari im Spätsommer 1988 sind ein Lacherfolg. Michele Alboreto,
damals noch in Ferrari-Diensten, lästert: "Dieser Wagen gewinnt nie ein Rennen."
Konstrukteur John Barnard hat der Formel 1 Welt ein Auto präsentiert, das vom
Front- bis zum Heckflügel ungewöhnlich ist: mit einer Entenschnabel ähnlichen
Schnauze, extrem hohen und langezogenen Seitenkästen und einem automatischen
Getriebe.
Nigel Mansell und Gerhard Berger schalten mit den Fingerspitzen. Eine Wippe
hinter dem Lenkradkranz ersetzt den Schalthebel, elektronische Geber das
Schaltgestänge, das Mangels Platz gar nicht ins Cockpit gepasst hätte. Wenn die
Ferrari Piloten rechts an ihrem Hebel ziehen, dann sagt ein elektronischer
Impuls den Hydraulikventilen im Getriebe, dass die nächsthöhere Gangstufe
einzurücken ist. Links ziehen bedeutet entsprechend herunterschalten. Damit der
Fahrer immer im Bilde ist, erinnert ihn ein Display im Cockpit daran, welcher
der sieben Gänge gerade seinen Dienst tut. Die Kupplung erfüllt nur noch eine
Funktion: Sie wird ausschliesslich beim Start betätigt, weil so der Gaseinsatz
besser zu dosieren ist. Nach dem Start hat der linke Fuss von Nigel Mansell und
Gerhard Berger Dienstschluss.
Beim Start zum Grand Prix von Brasilien in Rio, katapultiert sich Gerhard Berger
aus der zweiten Startreihe auf die gleiche Höhe wie Ayrton Senna und Riccardo
Patrese, die im Paarlauf auf die erste Kurve zustürmen. Berger: "Beim Start ist
die Automatik unschlagbar, weil du dich beim wichtigsten Schaltmanöver, vom
ersten in den zweiten Gang, voll auf die Drehzahl konzentrieren kannst und die
Hände nicht vom Lenkrad nehmen musst." Als der Österreicher den fünften Gang
einlegt, ist der erste Crash der neuen GP Saison perfekt. Senna, Patrese und
Berger wollen gemeinsam in die Rechtskurve hinter den Boxen einbiegen. Sie
zirkeln ihre drei Autos in ein Nadelöhr, wo nur Platz für zwei ist. Es treffen
sich drei Rennfahrer von denen keiner gerne nachgibt. Riccardo Patrese bringt
seinen Williams-Renault auf der Aussenspur als einziger heil durch. Der
Rekordteilnehmer krönt seinen 177. Grand Prix später mit 17 Führungsrunden.
Ayrton Senna und Gerhard Berger sieht er nicht mehr in seinem Rückspiegel.
Ayrton Senna verbringt zwei Runden an der Box, um die Kampfspuren an seinem
McLaren Honda retuschieren zu lassen. Gerhard Berger kommt zu Fuss zurück und
rechtfertigt seine harte Gangart: "Der Senna verlässt sich darauf, dass andere
zurückstecken. Er sollte auch mal einsehen, dass er sich hinten anstellen muss,
wenn er einen schlechten Start hat." Der Weltmeister der bei seinem Heim Grand
Prix keine grosse Rolle mehr spielt lamentiert: "Rechts war der Berger, links
Patrese. Wo sollte ich hin?"
Als Gerhard Berger sich ins Hotel absetzt, zeigt die mitfahrende Kamera im
Williams Renault von Patrese, wie Nigel Mansell seinen Ferrari in Führung
bringt. Jede Runde, die der Engländer bei Start und Ziel vorbeifährt, ist ein
Rekord für den umstrittenen Barnard-Ferrari. Das grosszügig geplante
Testprogramm der Vorsaison war auf wenige Testkilometer geschrumpft, da der
Ferrari nie länger als 20 Runden am Stück gefahren war.
Auch das Training in Rio hatte sich zu einem Drama ausgewachsen. Lichtmaschinen
kapitulierten vor der Hitze, Keilriemen lösten sich ohne Vorwarnung auf, und
einer der zehn Motoren im Gepäck gab seinen Geist auf. Was in Rio noch keiner
ahnte: Es sollte der letzte Motorschaden für lange Zeit sein. In Sachen
Zuverlässigkeit steckte der Ferrari V12 selbst den Honda Zehnzylinder in die
Tasche.
Nach einem Training voller Sorgen für Ferrari spottet die Spaghetti-Presse in
den Sonntagszeitungen voreilig: "Barnard, der grosse Bluffer." John Barnard war
in Italien immer schon ein Reizthema. Sein Manko: Er ist Engländer, er weigert
sich ausser Landes zu arbeiten, und er boykottiert einen Teil der italienischen
Presse: "Sie ist das Problem von Ferrari, weil sie Halbwahrheiten in falschem
Zusammenhang wiedergibt. "Mit der italienischen Mentalität freundet sich Barnard
nur langsam an. Als er 1987, zu Beginn seiner Amtszeit, den Mechanikern die
Pasta zum Mittagessen verbietet, macht er sich unbeliebt. Heute sieht Barnard
ein: "Bei Ferrari musst du immer Kompromisse schliessen."
Die Ferrari Jahre des eigenwilligen Engländers sind ein Gang nach Canossa. weil
Enzo Ferrari im September fordert, dass das Saugmotor Auto bis Januar 1988
fertig sein müsse, gerät John Barnard unter Zeitdruck. Der Engländer der dafür
bekannt ist, dass er für seine Konstruktionen viel Zeit beansprucht, liefert
wider Willen einen Schnellschuss ab. Er versieht das Auto mit der internen
Seriennummer 639. John Barnard: "Der Wagen war eher fertig als das
Windkanalmodell. Der umgekehrte Weg wäre normal gewesen."
Die Anti-Barnard-Liga, die sich um Aerodynamikchef Harvey Postlethwaite
formiert, liefert in Barnards Denkstube und Ferraris externer High-Tech
Kathedrale GTO im Süden von London dringend benötigte Daten wie Motorgrösse und
Kühlerbedarf mit grosser Verspätung ab. Michele Alboreto macht sich über die
Ferrari Filiale in England lustig: "Barnard ist wie ein Doktor der durchs
Telefon operiert."
Mitte 1988 krempeln Enzo Ferrari und Fiat Chef Vittorio Ghidella die
Rennabteilung in einer grossen Säuberungsaktion vollständig um. Rennleiter Marco
Piccinini droht die Strafversetzung, Harvey Postlethwaite muss gehen, Ferrari
Sohn Piero Lardi wird entmachtet, und Michele Alboreto wartet vergeblich auf ein
neues Vertragsangebot. Ab sofort kümmert sich Fiat um die Formel 1 Geschicke.
Ghidella verlangt: "Wir dürfen uns gegen Honda nicht mehr blamieren."
John Barnard bekommt also was er willl. Doch die Unzulänglichkeiten reissen
nicht ab. Vittorio Ghidella kurbelt nach Kinderkrankheiten mit dem automatischen
Getriebe in Panik Paralellprojekte mit einer mechanischen Kraftübertragung an.
John Barnard sagt dem hochgelobten Automobilmanagement auf den Kopf zu, dass ihm
das Ersatzprogramm nicht gefällt: "Ghidella ist kein Mann des Rennsports. Er
dachte in Dimensionen der Pkw-Produktion und hatte keine Ahnung vom Timing einem
Formel 1 Team. Er hätte seine Energie lieber in die Weiterentwicklung des Motors
stecken sollen.
Der umstrittene Ferrari Chefingenieur erkennt aber auch, dass der Ferrari
639seinen eigenen hohen Anforderungen nicht mehr genügt: "Der 639 war wegen der
unglücklichen Begleitumstände ein Kompromiss. Ich musste da etwas verbessern und
dort etwas modifizieren. Irgendwann habe ich gemerkt: Du brauchst ein neues
Auto."
Kaum hat sich herumgesprochen, dass dem Ferrari 639 noch vor dem ersten Rennen
ein Ferrari 640 folgen soll, schiesst sich die italienische Presse wieder auf
die Zielscheibe John Barnard ein. Gerhard Berger hält seinem Konstrukteur auch
in kritischen Situationen die Treue: "Der Ferrari 640 ist das beste Rennauto das
ich je gefahren bin." Nigel Mansell ist da vorsichtiger: "John Barnard ist ein
cleverer Mann. Aber erst die Zeit ohne Barnard wird zeigen, wie gut er wirklich
war."
Als Nigel Mansell in Rio überraschend siegt, schwenken auch die Medien um. Am
Montag nach dem Rennen meldet der italienische Blätterwald euphorisch: "Barnard
das Genie." Mansells 14. GP Sieg steht nur einmal kurz in Frage, als der
Engländer über Funk ein loses Lenkrad reklamiert. John Barnard reicht beim
Reifenwechsel höchstpersönlich das Ersatz-Steuer ins Ferrari Cockpit.
An der Boxenmauer dirigiert ein neuer Mann das Ferrari Orchester. Zwei Wochen
vor Saisonbeginn war Cesare Fiorio, der grosse Rally Stratege, auf den Platz
befördert worden, auf den seine Karriere beharrlich hinzielte. Fiorio beeilt
sich zu sagen: "Ich habe nie auf den Posten des Ferrari Rennleiters geschielt."
Leute die ihn besser kennen, behaupten: "Es war immer sein grösster Traum." Rein
äusserlich ist er ein würdiger Ferrari Rennleiter. Würde man ihm einen
Lorbeerkranz aufsetzen, er gäbe mit seinem Charakterkopf einen guten römischen
Feldherrn ab. Seine Mechaniker werden ihn später wegen seines Talents zur
Selbstdarstellung "Hollywood" nennen. In Rio baut der gelernte Politologe Fiorio
einer möglichen Pleite vor: "Ich erwarte erst in einem halben Jahr Siege. Uns
fehlen Testkilometer." Als Mansell gewinnt, weiss Fiorio nicht wie ihm
geschieht. "An mir liegt es nicht. Ich bin erst ein paar Tage im Amt." Dass die
Formel 1 ein härteres Geschäft ist als die Rally WM will er nicht einsehen: "In
der Rally WM habe ich es auch mit professionellen Gegnern zu tun gehabt. Audi
und Peugeot waren ja nicht irgendwer."
Experten vermuten, dass der Sieg in Rio für Ferrari zu früh kam. Gerhard Berger
fürchtet: "Jetzt werden alle glauben, sie hätten McLaren schon in der Tasche."
Sieger Nigel Mansell macht sich darüber keine Gedanken: "Für mich kommt ein Sieg
nie zu früh."
Das erste Saisonrennen ist selten ein gutes Omen. In Rio plagen den neuen
McLaren MP4/5 Honda noch Wehwehchen einer Neukonstruktion. Alain Prost wird mit
Kupplungsärger nur Zweiter. Dafür hätte rein theoretisch Derek Warwick im Arrows
das Rennen gewinnen können, hätten die Arrows Mechaniker nicht 30 Sekunden mit
zwei liederlichen Boxenstopps verschenkt. Gerhard Berger erkennt: "Wenn schon
Arrows so weit vorne mitfährt, sind die guten Teams noch nicht so richtig wach
gewesen." Bereits ein Rennen später in Imola ist die alte Hierarchie
wiederhergestellt. McLaren Honda fährt vorne weg, Arrows ist nirgendwo, und
Ferrari merkt dass Rio nur ein Glücksfall war.

Benetton
Der Grand Prix
Rennwagen den der englische Gross-Spediteur Ted Toleman 1981 zum höheren Ruhm
seines Unternehmens in die Welt setzte, war eine Gleichung mit drei Unbekannten:
dem neuen Chassis seines fähigen Designers Rory Byrne, dem neuen Vierzylinder
Turbo des Tuners Brian Hart, den Pneus von Pirelli, Neuling auf dem Reifenmarkt
der Formel 1. Sie erwies sich lange Zeit als unlösbar, auch wenn der kleine
Italiener Teo Fabi 1985 mit dem Toleman TG 185 die Pole Position auf den Asphalt
des Nürburgrings radierte. Unbestritten jedoch blieb, dass sich Byrnes Chassis
zwar wunderlich von allen andern abhob, aber zu den besten des ganzen Feldes
zählten, so gut, das die Toleman häufig auf einen Reifenwechsel verzichten
können, wo die meisten Teams nachfassen mussten. Byrne hatte ein Händchen für so
etwas,
optimierte
indessen auch seine Autos in dem exclusiv genutzten Windkanal des Royal Military
College zu Shrivenham. Daran änderte auch nichts dass der Rennstall im Januar
1986 in den Besitz des italienischen Kleiderfabrikanten Luciano Beneton
überging. Seither tragen Byrnes Boliden das schrille Bunt der United Colors of
Benetton. 1993 verfügte man über ein aktives Fahrwerk, ein halbautomatisches
Getriebe sowie Fords stärkstes Stück mit pneumatischen Ventilen. Benetton Siegen
haftet immer etwas Besonderes an: der in Mexico 1986 war Gerhard Bergers erster
und BMWs letzter mit Turbo Power. Der in Japan 1989 Alessandro Nanninis
einziger. sowie in Canada 1991 Nelson Piquets letzter. Und 1992 in Spa siegte
ein gewisser Michael Schumacher das erste Mal.

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