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Eigentlich hatte er
schon aufgehört mit diesem idiotischen Geschäft. 1990, ausgerechnet bei seinem
Heim-Grand Prix, auf seiner Hausstrecke in Silverstone, nach einem für ihn
typischen Rennen: Lange geführt, dann wegen Getriebeproblemen auf Rang zwei
zurückgefallen und schliesslich mit Getriebeschaden ausgeschieden. Nigel Mansell
stieg aus dem Ferrari, stampfte zurück an die Box, warf seine Handschuhe unter
die applaudierenden Zuschauer und liess im Fahrerlager die Bombe platzen: Zum
Saisonende werde er ein für allemal diesen Sport an den Nagel hängen, endgültig
und unwiederruflich.
Die Fans - und nicht nur die britischen - waren erschüttert. Einen wie ihn
würden sie vermissen. Einer, der stets bereit war, mit dem Messer zwischen den
Zähnen und dem rechten Fuss am Bodenblech zur Not auch den eigenen Teamkollegen
auszubremsen. Einer der wenigen, vor denen sogar Ayrton Senna Respekt zeigte.
Und einen, der bei jedem Rennen buchstäblich bis zum Umfallen kämpfte.
Niemand mochte es glauben, doch Mansell meinte es ernst. "Ein Sport der Figther
bestraft und Taktierer zu Weltmeistern macht, ist nichts für mich", erklärte der
Brite verbittert. Und zur Bitternis hatte er allen Grund: Seine Karriere war
gespickt mit Rückschlägen, Unfällen und Entäuschungen. Jeden Penny hatte er in
sein Berufsziel investiert, als er bei einem Formel 3 Unfall zwei Halswirbel
brach und ihm die Ärzte prophezeiten, er würde nie mehr Rennen fahren können.
Keine Gnade kannte Lotus Rennleiter Peter Warr, als er Mansell nach dem Tod
seines Förderers Colin Chapmann zugunsten von Ayrton Senna aus dem Lotus Team
warf. Und gnadenlos war das Schicksal, das den Titel-Favoriten Mansell 1986 beim
WM-Finale im australischen Adelaide in Form eines Reifenplatzers ereilte.
Resultat: Ein Alptraumunfall bei 300 Stundenkilometern und die Weltmeisterschaft
für Alain Prost.
Ein Jahr später rinnt ihm der Titel erneut durch die Finger: Ein schwerer
Trainingsunfall beim vorletzten Grand Prix in Suzuka zieht ihn für den Rest der
Saison aus dem Verkehr. Champion wird ausgerechnet Williams Teamkollege Nelson
Piquet, ausgerechnet der Mann, der ihm während der gesamten Saison im direkten
Duell nie das Wasser reichen konnte. Und dann das Drama bei Ferrari: Ein völlig
unerwarteter Sieg gleich im ersten Rennen für die Roten. Danach, im weiteren
Verlauf der Saison 1989, das typisch italienische Wechselbad zwischen "Hurra"
und "Kreuzigt ihn". Und dann, Anfang 1990, der engültige Hammer: Für ein paar
Dollar mehr und einen Ferrari F40 kaufen ihm die neuen Bosse in Maranello den
Nummer 1 Status ab, den sie stattdessen seinem neuen Teamkollegen Alain Prost
verleihen. Wer nur ein wenig hinter die britisch-coole Fassade des damals
35-jährigen blickt, hat Verständnis für seine Rücktrittserklärung.
Zu denen gehört auch
Frank Williams. Von 1985 bis 1988 hatte er Mansell in seinem Team, hat ihn
kennen und schätzen gelernt: "Ausserhalb des Autos ist er kaum zu ertragen.
Ständig nervt er will dieses besser und jenes anders haben. Aber sobald er im
Cockpit sitzt ist er der Grösste: Absolut souverän, superschnell und mit
allerletztem Einsatz kämpfend." Und eben dieser Frank Williams schaffte es im
Winter 1990, Mansell in stundenlangen Diskussionen den Rücktritt auszureden. Die
Fans sind erleichtert und die Experten staunen, als in Phoenix ein völlig neuer
Mansell am Start steht: Teamkollege Ricardo Patrese hat ihn im Training
verblasen und dennoch zeigen Mansells Schnurrbartspitzen wie sonst immer in
solchen Situationen, diesmal nicht nach unten. Stattdessen ein lockerer Spruch:
"Er war halt schneller als ich, na und?" Auch im Rennen ist von der gewohnten,
nägelkauenden Verbissenheit nichts zu spüren. Nach dem Ausfall wegen
Getriebeschadens schiebt Mansell den Williams äusserlich völlig ungerührt in die
nächste Mauerlücke, wandert winkend an die Boxen und treibt noch Spässe mit den
Streckenposten.
In Interlagos das gleiche Bild: Im Training erneut langsamer als Patrese, wird
Mansell zum Man of the Race: Als einziger kann er dem Tempo des Spitzenreitres
Ayrton Senna folgen, verliert bei einem missglückten Reifenwechsel viel Zeit,
startet eine sensationelle Aufholjagd und liegt erneut knapp hinter Ayrton
Senna, als das Getriebe den Geist aufgibt, Dreher, aus und vorbei. Zitat
Mansell: "So ist das mit diesen Getrieben. Am Anfang gehen sie häufig kaputt."
Kein böses Wort, kein Fluch. Als das Getriebe in Imola schon in der ersten Runde
erneut schlapp macht, sieht alles nach einer abzuhakenden Saison aus: Drei
Rennen, kein Punkt. Ayrton Senna dagegen hat schon dreissig Zähler. Aber Mansell
wäre nicht Mansell, würde er jetzt schon aufstecken. Schliesslich sind noch 13
Rennen zu fahren. Und wer soviel hat einstecken müssen, den bringen drei
Ausfälle nicht von der Rolle. Im Gegenteil: Ein zweiter Platz in Monaco sorgt
für neue Motivation. Und das Drama von Montreal, wo eingangs der letzten Runde
erneut das Getriebe spinnt und ihn so den sicheren Sieg kostet, kann ihn nur
kurzfristig aus dem Gleichgewicht bringen. Und dann folgt die goldene Serie:
Zwischen Mexico und Ungarn holt er 42 Punkte aus fünf Rennen.
Das Publikum hat längst
gemerkt, was an Mansell Jahrgang 91 anders ist. Das ist nicht mehr jener
hirnlose Idiot, "der immer fährt bis alles hin ist" (Niki Lauda).
Und
die wenig schmeichelhafte Charakterisierung durch Ex-Weltmeister Alan Jones:
"Kopf runter, Augen zu und Vollgas" entspricht auch nicht mehr den Tatsachen.
"Der beste Mansell den es je gab" (Jackie Stewart) imponierte in diesem Jahr mit
sensationellen Leistungen im Cockpit, stoischer Ruhe selbst in Stunden bitterer
Entäuschung und einer souveränen Lässigkeit. So fuhr er sich in die Herzen der
Fans.
Und wenn er wirklich litt, dann tat er es heimlich, so wie nach der
Reifenwechsel Katastrophe von Estoril: Kein Wutausbruch, kein Schaum vor dem
Mund, nur ein bisschen Wasser in den Augen. Fast schon ein Wunder, wenn so einer
noch heulen kann.
1992 wurde er endlich verdient und überlegen Weltmeister.
1993 wechsete Mansell in die Indy Car Serie, holte sich gleich beim ersten
Rennen in Surfers Paradise die Pole Position und den Sieg. Am Ende der Saison
wurde er auch Indy Car Champion.
Nigel Mansell in Silverstone 1991
Nigel
Mansells Galavorstellung in Silverstone hat nur einen Schönheitsfehler: Ayrton
Senna führt die ersten zwei Kilometer des Rennens, davon abgesehen ist Mansells
Bilanz auf dem umgebauten Flugplatzkurs von Silverstone makellos. Er dominiert
jede der vier Trainingssitzungen, ist im Warm-Up am schnellsten, führt 306 von
308 Rennkilometern, fährt die schnellste Runde und gewinnt den Grand Prix mit 42
Sekunden Vorsprung auf Gerhard Berger. Man müsste sich die Mühe machen, in den
Analen nachzuschauen, ob es jemals eine vergleichbare Überlegenheit gegeben hat.
Wahrscheinlich nicht.
Silverstone, der einstmals 4,7 Kilometer lange Hochgeschwindigkeitskurs, auf dem
1950 Nino Farina den ersten Grand Prix der Formel 1 Geschichte gewann, zeigt
sich 1991 in gewandeltem Outfit. Die Strecke ist um 500 Meter gewachsen, und von
den vier berühmten Kurven Copse, Stowe, Club und Woodcote existiert nur noch die
Copse in ihrer ursprünglichen Form. Nigel Mansell lobt überschwänglich: "Die
schwierigste Rennstrecke der Welt." Was sonst?
Schlüsselstelle ist ein Kurvengeschlängel im Bereich der alten Becketts Kurve,
das im vierten Gang durchfahren wird. Nigel Mansell rechnet vor: "In jeder der
vier Ecken wirken 4.5g auf deinen Körper ein. Nach einem Wochenende Silverstone
habe ich offene Ellenbogen, blaue Flecken an den Schultern und bin drei Tage
hundemüde, dass ich zu Hause nur rumliege." Er macht sich Sorgen: "Mit 60 rächt
sich die Rennerei."
Die Auferstehung des Nigel Mansell hat im GP Zirkus keiner mehr so recht
geglaubt. Man dachte, die beiden Ferrari Jahre hätten ihm den Zahn gezogen. Ein
Jahr zuvor hatte Mansell theatralisch seinen Rücktritt angekündigt. Frank
Williams lockte ihn mit einer Gage von angeblich zehn Millionen Dollar und
einem Nummer 1 Vertrag wieder ins Cockpit zurück. Der Mann im Rollstuhl kennt
sein Sorgenkind. Er weiss wie man den sensiblen Mansell zu Höchstleistungen
motivieren kann: "Wenn Nigel daran glaubt, dass er das beste Auto im Feld hat,
kann er jeden schlagen. Auch Senna." Mansell präzisiert: "Mein grösster Gegner
ist die Zuverlässigkeit meines Autos." Nigel Mansell leidet fast schon unter
einer Art Verfolgungswahn, dass ihn im Rennen ein technischer Defekt um den Lohn
der Mühe bringen könnte. Er hat es oft genug erlebt. Der Reifenplatzer von
Adelaide, der ihn den WM Titel 1986 kostet. Die lose Radmutter in Budapest 1987,
die Titelkonkurrent Nelson Piquet neun WM Punkte schenkt. Der Getriebeschaden im
Vorjahr der ihm den sicheren Sieg stiehlt. Es gibt eine Rennfahrerweisheit, dass
Zufälle, wenn sie sich häufen, ihre Ursachen haben. Nelson Piquet spottet: "Wenn
Nigel keine technischen Probleme hat, dann bildet er sich welche ein."
Tatsächlich beschwört der schnauzbärtige Bilderbuchrennfahrervor dem Rennen sich
und seine Vertrauten oft: "Haltet mir die Daumen, dass die Reifenwahl richtig
war und das Getriebe keinen Ärger macht." Eine der bittersten Stunden seines
Rennfahrerlebens macht Nigel Mansell in Montreal durch. Da führt er in der
letzten Runde 50 Sekunden vor Nelson Piquet und winkt lässig den Zuschauern zu,
als einen Kilometer vor dem Ziel das Unfassbare geschieht: Der Williams Renault
parkt am Streckenrand. Piquet gewinnt. Ausgerechnet Piquet, der in Mansells
Augen ein von den Renngöttern geliebtes Glückskind sein muss.
Der Grund für den
Ausfall bleibt im dunkeln, weil die Daten im Bordcomputer gelöscht werden. Viele
Theorien geistern durchs Fahrerlager. Ist dem Williams Renault der Sprit
ausgegangen? Renault Motorenchef Bernard Dudot, der das Drama in Paris am
Fernseher verfolgt, verneint: "Wir hatten genug Reserve an Bord." Hat Nigel
Mansell aus Versehen den Hauptschalter umgelegt als er selbstsicher den
Zuschauern zuwinkt? Unwahrscheinlich bei seiner Routine. Hat er das Material
über Gebühr beansprucht als er vier Runden vor dem Ende völlig unnötigerweise
einen neuen Rundenrekord aufstellt? Dazu Patrick Head: "Wenn man dem Fahrer
irgendeinen Fehler anlasten kann, dann den, dass er am Schluss zu langsam
gefahren ist."
Es könnte sich nach Meinung von Patrick Head folgendermassen abgespielt haben:
Nigel Mansell vergisst vor lauter Freude in der Haarnadel zurückzuschalten.
dabei fällt die Motordrehzahl auf ein Niveau unter 4000/min, und das Triebwerk
stirbt ab. Der Renault V10 wird erst am Abend in der Boxengasse wieder zum Leben
erweckt. Renault programmiert daraufhin die Elektronik so, dass die Drehzahl
auch bis 3000/min abfallen darf.
Nigel Mansells Gerechtigkeitssinn ist wieder einmal enttäuscht worden. Peter
Windsor, Williams Teammanager und Mansell Intimus: "Nigel glaubt daran, dass der
Beste gewinnen muss. Im Motorsport ist das nicht immer der Fall, weil oft die
Technik Schicksal spielt. Wenn Nigel Gerechtigkeit sucht, hat er sich mit
Autorennen den falschen Sport ausgesucht; beim Tennis wäre er wahrscheinlich
glücklicher."
Peter Windsor hält Mansell für den talentiertesten Formel 1 Piloten der letzten
10 Jahre: "Jeder andere glaubt nur dass er der beste Rennfahrer ist. Nigel weiss
es." Mansells Tragödie sei es gewesen, dass er nicht als begüterter Brasilianer
geboren wurde. "Wenn du in England aus der Arbeiterklasse kommst, erntest du von
den Snobs höchstens Spott und Argwohn." Deshalb, so kombiniert Windsor, mache
sich auch ein Teil der englischen Presse auch über Nigel lustig. Der Held ist
Mansell nur bei den Fans. Spektakuläre Überholmanöver und Fahrzeugbeherrschung
im Grenzbereich liegen ihm mehr als Interviews und Pressekonferenzen, wo er
gerne Gott und der Welt dankt, wenn er ein Rennen gewonnen hat. Peter Windsor
sieht in der Unbeholfenheit seines Stars mit der Presse kein Problem: "Nigel
muss gut hinter dem Lenkrad sein, nicht hinter dem Mikrofon."
Nigel Mansell gehört neben Ayrton Senna und Alain Prost zu den drei
Grossverdienern der Branche. Er leitet einen Ferrari Handel in Dorset, ist
Geschäftsführer einer Austin Rover Vertretung in Bournemouth, düst mit einem
vier Millionen Dollar teuren Learjet zu den Rennen und tauscht am Ende des
Jahres seinen Wohnsitz auf der Isle of Man gegen eine Villa mit Golfplatz in
Clearwater Florida. Der Umzug des Patrioten Mansell sorgt für Spekulationen.
Muss er die Isle of Man wegen Ärger mit den Behörden verlassen, die ihn
aufforderten, den selbsterrichteten Schutzwall gegen die Meereswinde wieder zu
entfernen? Geht er in die Staaten, um eine zweite Karriere in der Indy Szene
vorzubereiten? Mansell verneint: " In Florida bin ich zehn Wochen mehr mit
meiner Familie zusammen als in England." Das schöne Wetter würde ihm ausserdem
helfen Gewicht abzuspecken; mit 80 Kilo ist er der schwerste Formel 1 Pilot.
Nigel Mansell ging es nicht immer so gut. 1978 verkauften er und seine Frau für
8000 Pfund ihr Haus, um sich für vier Rennen bei March einen Formel 3
auszuborgen. Auch die Jahre 1979 und 1980 verlaufen typisch für den jungen
Mansell: schlechtes Material, ständig leerer Geldbeutel, aber ein
unerschütterliches Selbstvertrauen. Peter Windsor erinnert sich: "Nigel ist in
der Formel 3 bei den Einführungsrunden oft vor dem Feld hergefahren, auch wenn
er nicht die Pole hatte. Er wollte seinen Gegnern so andeuten: Ich bin der
Beste." Diese Art von Arroganz habe ihm geholfen sich nach oben durchzuboxen.
"Wäre Nigel nicht so von sich selbst überzeugt, hätte er es nie geschafft. Das
Wissen um seine Klasse ist Teil seiner Persönlichkeit."
Nigel Mansell ist relativ einfach aus dem Gleichgewicht zu bringen. Da genügt
der Verdact dass sich alles gegen ihn verschwört. Piquet und Prost haben diese
Schwäche seinerzeit ausgenutzt. Nigel Mansell hat sein Problem längst erkannt.
Er liest keine Zeitungen mehr, er zwingt sich zu positivem Denken: "Bitte keine
negativen Fragen."
Patrick Head lieferte für den perfekten Mansell einmal ein erfolgsversprechendes
Rezept: "Am besten wäre es, wenn ein Hubschrauber Nigel Mansell fünf Minuten vor
Trainingsbeginn vakuum verpackt in der Box absetzen absetzen und ihn gleich nach
dem Rennen wieder abholen würde. Er soll nichts hören, sehen oder lesen, nur
sein Rennauto fahren. Dann ist er am besten."
Als Mansell mit drei Siegen in Folge (Magny Cours, Silverstone, Hockenheim) zu
Senna aufschliesst und vom WM Titel träumen darf, weigert er sich: "Ich will
nicht an die WM denken, weil ich schon einmal enttäuscht worden bin." Was
Mansell in Estoril erlebt, ist für ihn fast schon Routine. Er kontrolliert seine
Gegner, aber ein missglückter Boxenstopp spielt ihm einen Streich. Die Tragik:
Ausgerechnet Peter Windsor gibt Mansell das Zeichen zum losfahren, obwohl das
rechte Hinterrad noch nicht fixiert ist: "Ich bin schuld und werde damit leben
müssen bis ans Ende meiner Tage." Mansell hat es eilig nach Hause zu kommen. Bei
der Familie kann er sich entspannen. Windsor zum Seelenleben seines
Spitzenpiloten: "Was Nigel wirklich interessiert, sind nicht WM Punkte, sondern
Frau, Kinder und seine Haustiere."

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