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Fast jede bedeutende Sportart kennt ein, zwei Ausnahmetalente, die - sei es in
ihrer aktiven Zeit, oder erst später - zur Legende wurden.
Da es an objektiven Kriterien zur Bemessung dieses "Status" fehlt, ist eine
Beurteilung zweifelsohne recht schwierig. Sportlicher Erfolg allein, das steht
jedenfalls fest, ist nur einer der Gründe, die bestimmte Sportler von der Masse
abheben. Herkunft, Verlauf der Karriere, ungewöhnliche Einzelleistungen, die
persönliche Ausstrahlung und natürlich auch grosse Triumphe können aus einem
Spitzensportler eine "Legende" machen.
Auch der Automobilsport kennt selbstverständlich dieses Phänomen, und der
Italiener Tazio Nuvolari ist wohl der Mann, dessen Name in diesem Zusammenhang
am häufigsten genannt wird.
Hier soll jetzt nicht eine knappe Handvoll weiterer Fahrer beleuchtet werden,
die vielleicht in einem Atemzug mit dem "Fliegenden Teufel von Mantua" angeführt
werden könnten. Dieses Kapitel handelt vielmehr von einem jüngeren Beispiel
dieser Ausnahmekategorie, dem Franco-Kanadier Gilles Villeneuve, der zwischen
1977 und 1982 67 Grand Prix Rennen fuhr.
Niki Lauda nannte ihn den "Giganten" und dieses Urteil ist von grosser
Bedeutung. Zum einen konnte der Österreicher seinen kanadischen Konkurrenten,
als direkter Gegner in vielen grossen Rennen, besser als viele andere
beurteilen, zum anderen geht Niki Lauda - der nur ungern andere Persönlichkeiten
neben sich bestehen lässt - mit Lob sehr sparsam um.
Der Ruf, ein hochtalentierter Nachwuchsfahrer zu sein, war Gilles Villeneuve
schon über den Nordatlantik vorausgeeilt, als er am 16. Juli 1977 in Silverstone
seinen ersten Grand Prix bestritt. McLaren Teamchef Teddy Mayer hatte ihm einen
McLaren angeboten. Es war zwar kein neuer M 26, sondern nur ein M 23, und zwar
der M 23/8, den zuletzt James Hunt in Monte Carlo bewegt hatte. Es war aber
keine Frage, dass Gilles Villeneuve den Drive annahm.
Schon im ersten Training sorgte der Mann mit dem Knabengesicht für eine deftige
Überraschung, indem er schneller nach Stowe Corner und zurück fuhr als McLaren
Stammfahrer Jochen Mass. Nachdem am Freitag das Training beendet war, fand man
ihn als Neuntplatzierten in der Startaufstellung. Zu diesem Zeitpunkt hatte auch
kein Journalist mehr Schwierigkeiten mit der Namensschreibweise des Rookie aus
Kanada.
Unbekümmert und schnell, wie er die Trainingssitzungen angegangen war, zeigte er
sich auch am Renntag. Das Feld kam in der Reihenfolge John Watson, Niki Lauda,
Jody Scheckter, James Hunt, Mario Andretti, Gunnar Nilsson und Gilles Villeneuve
aus der ersten Runde. Jochen Mass fiel es sicherlich nicht leicht, hinter dem
kanadischen Debütanten herfahren zu müssen. Neun Runden lang behauptete Gilles
Villeneuve den sensationellen siebten Platz, dann registrierten seine
aufmerksamen Augen beim routinemässigen Instrumenten-check auf einer langen
Geraden eine alarmierend hohe Wassertemperatur. Sofort ging er vom Gas und
steuerte die McLaren Box an, wo man den Fehler schnell feststellte: das
Thermometer war defekt, das Kühlwasser wohltemperiert!
Aussichtslos zurückgeworfen, fädelte er sich wieder in das Feld ein und konnte
aber wie zuvor mühelos die Rundenzeiten der Spitzengruppe erreichen. Trotz des
-gemessen an der Trainingsleistung- enttäuschenden elften Platzes wurde der
24-jährige zum "Driver of the Meeting" gewählt und hatte seine Bewährungsprobe
mit Auszeichnung bestanden.
Noch im selben Jahr erhielt er weitere Gelegenheiten, sein Talent unter Beweis
zu stellen. Jetzt allerdings nicht mehr im McLaren sondern im "Team der Teams"
der Scuderia Ferrari. Ursprünglich als dritter Mann für seinen Heim Grand Prix
und den japanischen WM Lauf in Fuji angeheuert, bestritt er diese Rennen
überraschend als echte Nr. 2. Die Verantwortung hierfür trug der frischgebackene
Weltmeister Niki Lauda, der drei Stunden vor Trainingsbeginn des kanadischen
Grand Prix in Mosport seiner verdutzten Team-Leitung bekannt gab, dass er fortan
nicht mehr für Ferrari fahren werde. Zwei Jahre später sollte Niki Lauda zeigen
dass er als Mann der Überraschungen noch ganz andere Pfeile im Köcher hatte...
Der in Silverstone so überzeugend aufgetretene Gilles Villeneuve enttäuschte am
Steuer des Ferrari vor heimischem Publikum und machte nur durch mehr oder
weniger spektakuläre Dreher negativ auf sich aufmerksam. Gleich sechsmal
kreiselte er im Training über die Piste. Nachdem er sich im Rennen bis auf Rang
Acht nach vorne gefahren hatte, fabrizierte er wenige Runden vor Schluss des
Rennens den Dreher Nummer Sieben des Weekends und schied aus. Diesmal hatte er
allerdings eine plausible erklärung für die Pirouette: Auf Andrettis Motorenöl
hatten die Ferrari Pneus den Kontakt zur Strasse verloren. Der gute Eindruck den
er bei seinem Debüt in Silverstone hinterlassen hatte, war ausgelöscht. In nur
drei kurzen Tagen hatte er sich das neue Image des Crash Piloten zugelegt.
Im japanischen Finale sollte es noch schlimmer kommen. Aus der drittletzten
Startreihe nahm Gilles Villeneuve das Rennen in Angriff, eine schwache Leistung,
für die der noch unerfahrene Pilot - wohl zu Recht - das kaum zu übersehende
Untersteuern seines Ferraris verantwortlich machte. Im Rennen schaffte er es
dann gerade bis zur sechsten Runde. Dann wollte er am Ende der Start und
Zielgeraden den Schweden Ronnie Peterson "auf der Bremse" überholen und trat im
entscheidenden Augenblick ins Leere. Der gewünschte und dringend erforderliche
Tempoverlust blieb aus, die Bremse war defekt. Die beiden Wagen kollidierten,
der Ferrari stieg auf und mähte - nach einer Zwischenlandung auf der Piste -
jenseits der Leitplanke eine Gruppe Fotographen und verbotswidrig vorgedrungene
Zuschauer nieder. Zwei Tote und sieben Verletzte waren die grausame Bilanz. Vor
dem Hintergrund des folgenschweren Unfalls fragte niemand mehr nach der
Unfallursache und der unverletzt der Katastrophe entkommene Gilles Villeneuve
wurde von der Öffentlichkeit zum Sündenbock gestempelt.

Durch Villeneuves Auftritte in Kanada und Japan war die Verpflichtung durch
Ferrari für die Saison 1978 unerwartet in Frage gestellt. Lange hielten sich
Gerüchte dass Villeneuve zugunsten des jungen Amerikaners Eddie Cheever
zurücktreten müsste, doch schliesslich trat die ruhmreiche Scuderia Ferrari -
wie ursprünglich geplant - mit Carlos Reutemann und Gilles Villeneuve an.
Nach glücklosem Saisonauftakt setzte sich Gilles Villeneuve in Long Beach, es
war das vierte Saisonrennen des Jahres, gross in Szene. Mit dem Grünlicht
übernahm er die Führung, als der vor ihm gestartete Carlos Reutemann patzte, und
führte das Feld 38 Runden lang fehlerfrei vom Ocean Boulevard durch die Linden
Avenue, den Shoreline Drive und die Pine Avenue zurück zu Start und Ziel. Im
Verlauf der 39. Runde lief Villeneuve dann auf den Schweizer Clay Regazzoni auf,
der zur Überrundung anstand. Villeneuve hätte genügend Zeit gehabt sich in
Geduld zu üben und den Ort des Überholmanövers auf eine der langen Geraden zu
legen, doch - es fehlte wohl noch die Routine - er brach die Aktion übers Knie.
Als eine Kollision unvermeidlich schien, riss er seinen Ferrari noch zur Seite,
wodurch die Situation aber unerwartet an Gefährlichkeit zunahm. Von der
Bordsteinkante zurückgeworfen, stieg sein Ferrari in die Luft, überflog
Regazzonis Shadow Ford und landete in den Leitplanken.
Wie knapp die GP Truppe an einer Katastrophe vorbei
gekommen war, stellte sich in seiner ganzen Tragweite erst nach dem Rennen
heraus: Am Helm von Clay Regazzoni wurde Reifenspuren festgestellt, die von den
Gummiwalzen des Ferrari stammten...
Auf die erste Platzierung in den Punkterängen musste Gilles Villeneuve bis zum
21. Mai warten.
In
Zolder, auf dem Kurs, der vier Jahre später zu seiner Schicksalsstrecke werden
sollte, belegte er den vierten Platz. Hinter dieser Platzierung verbarg sich
aber weit mehr, als drei WM Punkte ahnen lassen, 39 Runden lang lag Villeneuve
an zweiter Stelle, dann platzte der linke Vorderreifen. Er fing den
schleudernden Wagen ab und fuhr die vier Kilometer bis zur Box auf drei Rädern.
Auf abgeschliffener Felge kam er aus der 40. Runde zurück und liess den Schaden
beheben. Anschliessend startete er eine Aufholjagd, die sicherlich mehr Kraft
und Können erforderte als so manche Siegesfahrt.
Die kämpferische Fahrweise trug erst in Zeltweg wieder Früchte, als er Dritter
wurde. Vierzehn Tage später gab es in Zandvoort den nächsten Punkt. In Monza -
es war das letzte Rennen von Ronnie Peterson - führte Villeneuve über 34 Runden
des auf 40 Runden verkürzten Rennens, wurde dann von Mario Andretti abgefangen,
kreuzte als Zweiter die Ziellinie und belegte...Rang Sieben!
Die Rennleitung warf Andretti und Villeneuve vor, das Rennen bereits aufgenommen
zu haben, bevor die Startampel Grün zeigte: Frühstart. Beide bekamen eine
Strafminute aufgebrummt, die die Rückstufung in der Ergebnisliste erklärt. Monza
zeigte aber, dass sich Villeneuve endgültig "eingeschossen" hatte. Den Beweis
dafür trat er nur ein Rennen später an, als er seinen Home Grand Prix in
Montreal gewinnen konnte.
Der neunte WM Platz, den er mit 17 Punkten 1978 einnahm, machte weder die
Anstrengungen deutlich, die Villeneuve unternommen hatte, noch liess er
Rückschlüsse auf das wirkliche Können des Kanadiers zu.
Dass er sich tatsächlich unter Wert verkauft hatte zeigte 1979. Mit nur vier
Punkten Rückstand auf Weltmeister Jody Scheckter wurde Villeneuve Vize-Champion.
In Kyalami, Long Beach und Watkins Glen hatte er gesiegt. In jenen Tagen wurde
er zwar schon als "Weltmeister von morgen" gefeiert, tatsächlich hatte er aber
mit der Vizemeisterschaft bereits das beste Ergebnis seiner Karriere erreicht.
Fünfmal war er die schnellste Runde des Rennens gefahren und hatte auch damit
gezeigt, dass er zu den Besten zählte.

Ob es 1979 zum Titelgewinn gerreicht hätte wenn bei Ferrari nicht Scheckter,
sondern Villeneuve der Nr. 1 Fahrer gewesen wäre, ist sicher eine Frage, auf die
es keine Antwort geben kann. Die vier entscheidenden Punkte dürfte der Nr. 1
Bonus jedoch ausgemacht haben.
Gehörten die Ferrari 1979 unumstritten zur ersten Garnitur der Branche, so
verloren die Boliden aus Maranello im nächsten Jahr ihre Top Stellung. Das
unverändert besetzte Team erntete 1980 gemeinsam (!) ganze acht WM Punkte. Für
Gilles Villeneuve war es wohl nur ein schwacher Trost dass er selbst dreiviertel
der Ausbeute einfuhr.
In einem Rückblick auf die Saison meinte er: "Ich musste diese Jahr doppelt so
hart fahren als 1979, als ich ohne grosse Anstrengung Rennen gewinnen konnte.
Jetzt musste ich oft am absolut letzten Drücker fahren, jenseits von Gut und
Böse. Ich weiss nicht, wieviele Zuschauer das mitbekommen haben."
Die Zuschauer hatten es mitbekommen. Denn ob ein Fahrer resigniert, weil er eine
Fehlkonstruktion lenken muss und deshalb lieber auf die nächste Saison wartet,
oder ob er auch auf den hinteren Rängen kämpft, als hinge das Leben von einer
Positionsverbesserung ab, registriert das Publikum nicht nur, es zollt auch
Anerkennung für solche Auftritte. Gilles Villeneuve verlor jedenfalls nicht
einen seiner Fans, im Gegenteil, die Fangemeinde wuchs. Gilles Villeneuve, das
erkannten viele, war ein Rennfahrer aus Überzeugung, kein Taktiker, der sich vor
dem Start im Fahrerlager überlegte, ob es nicht viel sinnvoller wäre, dem Feld
hinterherzufahren und auf Ausfälle der Konkurrenz zu warten. Er ging ins Rennen
um die bestmögliche Platzierung zu erreichen. Diese Einstellung paarte sich mit
einer schier unglaublichen Fahrzeugbeherrschung, die oft den Eindruck erweckte,
physikalische Gesetze würden widerlegt.
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1981 fuhren Gilles Villeneuve und sein neuer Teamkollege Didier Pironi, der den
zurückgetretenen Jody Scheckter abgelöst hatte, den neuen Turbo Ferrari.
Zwangsläufig musste das erste komplette Turbo Jahr für Ferrari und seine Fahrer
ein Lehrjahr werden. Davon konnte Vorreiter Renault ein mehrstrophiges Lied
singen, und auch Hart, BMW, Alfa Romeo und später dann auch TAG-Porsche sollte
es nicht besser gehen.
Um so erstaunlicher war es, dass Gilles Villeneuve am Steuer des neuen
Ferrari-Turbo in den letzten Wochen des Frühlings ein erstaunlicher Doppelschlag
gelang. Sowohl in Monaco wie auch in Jarama, beides alles andere als klassische
Turbo Kurse, siegte der Franco-Kanadier.
Das Rennen in Spanien bezeichnete Villeneuve später als den wohl umkämpftesten
Sieg seiner Karriere. Tatsächlich kreuzten nach langem Rad an Rad Kampf die
ersten fünf Wagen innerhalb von 1,24 Sekunden die Ziellinie. Es war ein echter
Kampf jeder gegen jeden, denn jeder der fünf Fahrer gehörte einem anderen Team
an. In der Reihenfolge Villeneuve (Ferrari), Laffite (Ligier), Watson (McLaren),
Reutemann (Williams), und de Angelis (Lotus) ging einer der spannendsten WM
Läufe zu Ende.
Zusätzliche Anerkennung gewinnt Villeneuves Leistung wenn man bedenkt, dass er
den Grand Prix seit Mitte der 13. Runde anführte und die Führung bis ins Ziel
nicht mehr abgab. Bei einer derart dicht beieinanderliegenden Spitzengruppe
liegen im Finale nämlich die besseren Plätze hinter dem Anführer des Feldes,
denn solche Rennen werden in der Regel aus dem Windschatten gewonnen. Das
lehrjahr ging mit einem dritten Platz in Montreal zu Ende. Was 1981 gesät worden
war, sollte im nächsten Jahr geerntet werden, und der Saisonverlauf zeigte
tatsächlich, dass die Ferraris wieder zu den besten Wagen zählten.
Gilles Villeneuve sollte allerdings nicht mehr von dieser Renaissance
profitieren. Einmal stand er noch auf dem Treppchen, als er im - von der FOCA
boykottierten - GP von San Marino in Imola Zweiter wurde, nachdem Teamkollege
Didier Pironi die Stallregie missachtet hatte.
Dann
kam der 8. Mai 1982 und Villeneuve fuhr seine letzten Runden. Wenige Wochen vor
dem tragischen Ereignis in Zolder hatte er noch in einem Interview von den
Gefahren des GP Sports gesprochen. dass er im Training gezwungen sei, die kurze
Lebensdauer der Qualifikationsreifen auszunutzen und in einer solchen Runde an
der Grenze des Möglichen auf einen unkonzentrierten Konkurrenten treffen könnte,
war seine grosse Sorge. Diese Befürchtungen traten am 8. Mai ein. Gilles
Villeneuve, der schnellste Fahrer seiner Zeit, starb in Zolder den
Rennfahrertod.
Für die Formel 1 Fans in aller Welt lebt er aber bis heute weiter. Während
mancher seiner Kollegen viel zu schnell vergessen wurde, weckt der Ferrari mit
der Startnummer 27, Villeneuves 27, immer wieder Erinnerungen. Gilles Villeneuve
wurde zur Legende. Er, der einmal befürchtet hatte, die Zuschauer könnten
übersehen, dass er dem Rennsport mehr gab, als sich aus den Ergebnislisten
ablesen lässt, hatte sich in diesem Punkt geirrt.
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