|
Im Jahre 1976 präsentierte sich der Franzose Didier Pironi erstmals einer
grossen Publikumskulisse. Am Tag des Grand Prix von Monaco nahm er am
sonntäglichen Vorrennen, dem Formule-Renault-Lauf, teil. Der Mann mit dem
italienisch klingenden Namen gewann diese Rennen, doch wer beachtet schon das
Hors d'Oeuvre, wenn alle auf das Hauptgericht warten!
Zwölf Monate später verlud er an der selben Stelle wiederum alle Mitstarter,
doch unterdessen war er in die Formel 3 aufgerückt und als Formel 3 Sieger wird
man nicht nur vom Publikum gefeiert, sondern zusätzlich von den anwesenden
Formel 1 Bossen begutachtet.
So war es dann kein Wunder, dass der am 26. März 1952 geborene Fabrikantensohn
1978 in Monte Carlo das Casino in einem Grand Prix Wagen umkreiste: Didier
Pironi, der kleine Mann mit dem Pokerface, hatte es geschafft. Kompromisslos und
geradlinig war er auf sein Ziel zugegangen und hatte es auf dem kürzesten Weg
erreicht. Dabei half ihm nicht nur sein eiserner Wille, sondern auch seine Liebe
zum Autorennsport: "Motorsport gibt mir alles was ich brauche. Als ich noch
jünger war, habe ich verschiedene Sportarten betrieben, Laufen, Schwimmen,
Tennis, Speerwerfen. Jede Sportart hat mir irgendwie Freude gemacht, aber bei
jeder habe ich auch etwas vermisst. Der Motorsport hingegen gibt mir alles - das
ist schwer in Worte zu fassen. Ich fahre gern Auto, ich muss physisch fit sein,
ich muss geschickt sein, ich kann meine Persönlichkeit zum Ausdruck bringen. Es
ist für mich die totale Erfüllung."
Anders als viele seiner Kollegen betrachtet Didier Pironi den Sprung in die
Formel 1 nur als Zwischenziel, die erklärten nächsten Schritte waren Grand Prix
Siege und der Gewinn der Weltmeisterschaft. Er hatte bei Ken Tyrrell, dem
grössten Talententdecker, unterschrieben und fand in seinem Teamkollegen Patrick
Depailler einen guten Lehrmeister.
Dass er in der höchsten Klasse des Autorennsports von Anbeginn mit selten hohem
Einsatz fuhr, belegt eine Episode, die sich am Rande des Trainings zu Pironis
zweitem WM Lauf abspielte. Karl Kempf, Ken Tyrells Computerfachmann, beobachtete
die Neuverpflichtung und sinnierte: "Wenn Pironi nicht Weltmeister wird, dann
ist es nicht seine, sondern unsere Schuld." Bereits dieses Rennen brachte Didier
Pironi einen WM Punkt. Die Kritiker, die vor Saisonbeginn nicht hatten verstehen
wollen, dass anstelle von Hans-Joachim Stuck, dem Sohn des berühmten Vaters, der
unbekannte Franzose Didier Pironi ein freies Formel 1 Cockpit anvertraut bekam,
begannen, die Hintergründe dieser Entscheidung zu ahnen.
Bereits im August, im österreichischen Zeltweg, stand Pironi in der
Startaufstellung zu einem WM Lauf erstmals vor seinem erfahrenen Teamkollegen
Patrick Depailler. Als nach 16 Grand Prix Bilanz gezogen wurde, lag er mit
sieben Punkten auf dem 15. Rang. Weniger die absolute Punktzahl, als vielmehr
die für einen Neuling ungewöhnliche Zuverlässigkeit bewies, dass mit Didier
Pironi einer der Grossen die Manege des Grand Prix Zirkus betreten hatte.
Praktisch in jedem Rennen punktete der Franzose.
Im nächsten Jahr verdoppelte er die Punktzahl, was ihm einen um fünf Ränge
besseren WM Platz sicherte. In dieser Saison verlor er jedoch das Vertrauen in
den Tyrrell. Bei schweren -technisch bedingten- Unfällen in Kyalami und Dijon
beschäftigte er gleich mehrere Schutzengel. In Südafrika war ein Rad abgebrochen
und später in Dijon eine Halbachse kollabiert. Insgesamt brach siebenmal das
Chassis. Didier Pironi wechselte zu Ligier.
Damit stand ihm ein Wagen zur Verfügung, der 1980 zum Besten vom besten gehörte.
Er fuhr in Monaco und Brands Hatch seine ersten Pole Positions. In Zolder
reichte es sogar zum ersten Grand Prix Sieg. Hätte es nicht Probleme mit den
Felgen gegeben, die sich zwangsläufig auf die Reifen auswirkten, der WM-Titel
wäre möglich gewesen. Didier Pironi glaubte jedenfalls fest an seine Chance,
Jody Scheckters Nachfolger zu werden.
Ende 1980 zog sich Jody Scheckter aufs Altenteil zurück und Enzo Ferrari
verpflichtete Didier Pironi. Damit verfügte die Scuderia Ferrari mit Gilles
Villeneuve und Didier Pironi über das stärkste Fahrerpaar. Eine Rangordnung
sollte es nicht geben, keine Nummer 1, sondern zwei gleichgestellte Piloten mit
den gleichen Voraussetzungen und dem gleichen Material. Gilles Villeneuve, der
Superkämpfer, kommentierte die Verpflichtung Pironis lakonisch: "Die Stoppuhren
werden zeigen, wer der Bessere ist."

Die erwarteten Erfolge blieben aus: Didier Pironi glänzte zwar einigemal, so in
Imola und Zolder -beide Rennen hätte er um ein Haar gewonnen- doch die
Punktegewinne hielten sich in engen Grenzen: Neun WM Punkte, das waren gerademal
zwei mehr, als in seinem Debütantenjahr 1978. Es ist keine Frage dass Pironi
1981 unter Wert geschlagen wurde. Die tiefe Enttäuschung, die der
Vollblutrennfahrer in diesem Jahr empfinden musste, liess er sich nicht
anmerken. Die stoische Gelassenheit, mit der er zuvor die frühen Triumphe zu
tragen pflegte, zeigte er auch nach den Niederlagen und Ausfällen am Steuer des
Turbo Ferrari, der in seiner ersten vollen Saison natürlich noch nicht
ausgereift sein konnte. Oft legte man Pironi seine ausdrucklose Mimik als
Gleichgültigkeit oder Gefühlsarmut aus. Er selbst kommentierte sein Pokerface
mit den Worten: "Das sagt nicht aus, dass ich nichts empfinde, mich nicht freuen
oder ärgern kann. Es liegt einfach nicht in meiner Natur, das nach aussen zu
zeigen." Auch als in Hans-Joachim Stuck nach dem Procar Lauf in Hockenheim vor
aller Welt als "Mörder" bezeichnete, blieb er seiner Natur treu und reagierte
äusserst sachlich.
Dann kam die Saison 1982. Oft ist man versucht, mit dem Schicksal zu hadern und
diskutiert die Wenns und Abers durch, die sich auch im GP Sport immer wieder
anbieten. Was wäre gewesen wenn sich Chris Amon anstatt den glücklosen den
erfolgreichen Teams angeschlossen hätte? Wer wäre 1976 Weltmeister geworden wenn
Niki Lauda in Fuji nicht gleich zu Beginn aufgegeben hätte? Wäre Mario Andretti
1978 Champion geworden wenn es bei Lotus keine Stallregie gegeben hätte? Wo
stünde Hans-Joachim Stuck heute wenn er Ende 1978 den von Frank Williams
angebotenen Vertrag unterschrieben hätte? Gleich drei oder vier solche Fragen
wirft fast jede WM Saison auf.
Antworten auf diese Fragen gibt es natürlich nicht. Chris Amon hätte vielleicht
-durch das Pech das ihm an den Füssen klebte- jedes Team von der Gewinner
Strasse abgebracht. Niki Lauda wäre vielleicht aufgrund seiner
Augenlidverletzung tätsächlich von der Piste gekreiselt. Andretti und Peterson
hätten sich vielleicht gegenseitig gehetzt, bis ihre Wagen kollabiert wären, und
Stuck schliesslich, hätte vielleicht wirklich die Lederhose in den Fahrerlagern
der Formel 1 salonfähig gemacht.
1982 aber gab es ein "was wäre gewesen wenn" auf das es nach menschlichem
Ermessen die richtige Antwort gibt: Wenn Didier Pironi statt zehn alle 16 WM
Läufe der Saison bestritten hätte, dann wäre er Weltmeister geworden! Warum?
Weil er sich trotz dieses Handicaps mit nur fünf Punkten Rückstand auf Keke
Rosberg die Vizemeisterschaft holen konnte. Gerade auf dem mit Beginn des
europäischen Saisonteil voll konkurrenzfähigen Ferrar hätte der Franzose die
fehlenden Punkte wohl mühelos gewonnen.
Nach einem kurzen Probegalopp im Sommer des Jahres 1981, blühte der Turbo
Ferrari in Imola 1982 auf und gehörte von diesem Rennen an für den Rest der
Saison unumstritten zur ersten Garnitur.
Der WM Lauf in Imola, wo der 2. Grosse Preis von San Marino ausgetragen wurde,
war ein Rennen der besonderen Art. Der seit Jahren schwelende Machtkampf
zwischen FISA und FOCA führte am Südostrand der Po-Ebene zum schwersten
Zwischenfall seit Jarama 1980.
Hatten damals in Spanien die FISA treuen Bewerber das Rennen bestreikt, was eine Annulierung des WM Status der Veranstaltung zur Folge hatte, streikten jetzt die
FOCA Teams. Der Boykott war die Antwort von Bernie Ecclestone und seinen
Vasallen auf die Disqualifikation von Nelson Piquet und Keke Rosberg in
Brasilien. Dank der Sreikbrecher ATS und Tyrrell addierte sich die Anzahl der
Starter auf insgesamt 14 Wagen, zwei mehr als das Reglement vorschreibt um den
WM Status zu erhalten.
Wer geglaubt hatte die Tifosi würden sich vom Besuch des Grand Prix abhalten
lassen, weil Arrows, Brabham, Ensign, Fittipaldi, Lotus, March, McLaren,
Ligier-Talbot und Williams fehlten, der hatte sich getäuscht. Italien ist ein
Land echter Rennsportbegeisterung und so reisten 70'000 an, um den Kampf von nur
sieben Teams mitzuerleben. Als sich zwei Fahrer, Derek Warwick in der
Aufwärmrunde und Brian Henton während der ersten Runde sehr früh
verabschiedeten, kamen die schlimmsten Befürchtungen auf: Erreichen überhaupt
genügend Fahrer das Ziel um alle 25 WM Punkte zur Verteilung kommen zu lassen?
 |
Unerwartet verlief das Rennen dann aber sehr abwechslungsreich und die Zuschauer
kamen voll auf ihre Kosten. Nacheinander führten Alain Prost, Gilles Villeneuve,
Didier Pironi. Der Grand Prix Zirkus hatte schon fadere Vorstellungen gegeben...
Zusätzliche Würze verlieh die überraschende Stallregie Ferraris dem Rennen, die
sich für eine stallinterne Reihenfolge zugunsten von Gilles Villeneuve
festlegte. Als Villeneuve jedoch merkte dass Pironi die entsprechenden
Boxensignale ignorierte, war es für einen Konter zu spät: seine verwegenen
Attacken gegen Pironi fruchteten auf den letzten Kilometern nicht mehr. Nicht
viel hätte gefehlt und der Bruderkampf hätte einem lachenden Dritten Platz
gemacht.
War das Verhältnis zwischen Didier Pironi und Gilles Villeneuve bis dahin
neutral gewesen, so standen die Zeichen jetzt auf Sturm. Bevor es zur dringend
notwendigen Aussprache kam, verunglückte Gilles Villeneuve in Zolder tödlich.
Nach dem Unfall, der sich im Taining erreignete, verzichtete Didier Pironi auf
seinen
Startplatz
in der dritten Reihe und die Teilnahme am Grand Prix. Während diese Geste zur
Ehrung des toten Rivalen Didier Pironi Anerkennung brachte, verscherzte sich
Jochen Mass bei vielen Zuschauern die Sympathien als er -der eine Schlüsselrolle
beim Unfall gespielt hatte- fröhlich ins Publikum lachend in die
Präsentationsrunde vor dem Start ging.
Für Didier Pironi folgten ein zweiter Platz in Monaco, ein dritter in Detroit
und ein 9. in Montreal. Den dritten Sieg seiner Karriere erzielte er in
Zandvoort, dem sich ein zweiter Platz hinter Niki Lauda in Brands Hatch
anschloss. Der Franzose führte das WM Zwischenklassement mit neun Punkten
Vorsprung an und der WM-Titel kam in greifbare Nähe, nachdem er in Le Castellet
noch einmal vier Punkte nachlegte. Vierzehn Tage später ereignete sich die
Katastrophe.
Im ungezeiteten Samstagstraining zum Grossen Preis von Deutschland auf dem
Hockenheimring verunfallte Didier Pironi im strömenden Regen schwer. In der
Gischt seiner Vorderleute beurteilte er die Lage eingangs Motodrom falsch und
fuhr Alain Prost ins Heck. Nach kapitalen Überschlägen konnte Pironi von Glück
reden mit dem Leben davongekommen zu sein. Schwere Beinverletzungen -tagelang
hiess es, ein Bein müsse amputiert werden- beendeten jedoch vorläufig seine
Karriere.
Erst ein Jahr nach dem schweren Unfall war Pironi wieder so weit dass er sich
einen Formel 3 Wagen kaufen konnte, um sich wieder langsam an die
Bewegungsabläufe im Cockpit zu gewöhnen und das Gefühl für Wagen und
Geschwindigkeit wieder aufzufrischen.
1986 fuhr er wieder Tests für AGS und Ligier. AGS zog sich jedoch aus der Formel
1 zurück und bei Ligier verfolgte man die Comebackpläne nicht weiter. Es ging
wohl um eine hohe Versicherungssumme die zurückbezahlt werden musste im
Comebackfall.
Pironi wechselte 1986 zum Motorbootsport, wo er schon bald einige Erfolge feiern
konnte. 1987 kam er bei einem Bootsrennen vor der Isle of Wight ums Leben, als
sein Boot auf eine Welle von einem Tanker traf und sich überschlug.
Pironi ist im südfranzösischen Grimaud begraben. Kurz nach Pironis Tod brachte
seine Frau Zwillinge zur Welt, die Namen der beiden: Didier und Gilles.

|