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Am Rande der Reifentest-Fahrten auf dem Nürburgring gab es im Sommer 1984 eine
interessante Unterhaltung zwischen Keke Rosberg und Elio de Angelis. Rosberg:
"Ich hab gehört du kriegst einen neuen Teamkollegen?" Lotus Pilot de Angelis:
"Ja". Rosberg: "Hol ihn direkt in den ersten Wochen runter auf den Teppich. Sorg
dafür dass er nicht das beste Material bekommt, er ist schliesslich nur die
Nummer Zwei bei euch." Diese Unterhaltung - wenn auch nicht jedes Wort auf die
oft zitierte Goldwaage gelegt werden darf - macht deutlich, dass der Brasilianer
Ayrton Senna in Kollegenkreisen nicht sonderlich beliebt war. Er galt als
überheblich und arrogant. Denn in Wahrheit war Ayrton Senna wohl nur stolz auf
seine steile Karriere. Die Karriere eines
Wunderknaben - eines anerkannten Naturtalents.
Schon
als 18-jähriger entschloss sich Senna, am 21. März 1960 in Sao Paulo geboren,
Profi-Rennfahrer zu werden und er nahm dieses Ziel konsequent und gradlinig in
Angriff. Die ersten grossen Erfolge verbuchte er als Kartfahrer: 1979 und 1980
wurde Senna Vizeweltmeister in der Einstiegs-Klasse des Motorsports. Nach diesen
Erfolgen schwor er endgültig seiner bürgerlichen Karriere ab und brach sein
Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Sao Paulo ab. Sein
Freund Chico Serra - selbst Rennfahrer- knüpfte für Senna Verbindungen nach
Europa, wo dieser 1981 seine erste komplette Formel Ford Saison bestritt. Mit
zwölf Siegen, fünf zweiten sowie je einem dritten und fünften Rang konnte sich
sein Debütanten Jahr in Europa sehen lassen. Zwei britische Titel, den des
königlichen Automobilclubs und die Townsend Thoresen Trophäe, waren der Lohn.
1982 holte er am Steuer eines Van Diemen RF82 bereits 22 Trainings Bestzeiten
und ebensoviele Siege. Die Fachwelt sprach von der Entdeckung eines Supertalents
und die ersten Formel 1 Bosse wurden hellhörig. Noch im selben Jahr erhielt er
seine erste Formel 3 Chance und fuhr einen Ralt RT3 für Dick Bennett's West
Surrey Racing Team Pole Position und anschliessender Sieg! Obwohl er nach diesem
Erfolg tatsächlich ernste Formel 1 Angebote bekam, zog der junge Mann einen
soliden Aufbau seiner Karriere vor und fuhr 1983 um die britische Formel 3
Meisterschaft. Mit zwölf Siegen sicherte er sich den Titel und erst nach diesem
Triumph fühlte er sich reif genug, den Sprung in die Formel 1 zu wagen. Nach
Testfahrten für Brabham, Toleman, Williams und McLaren unterschrieb Ayrton Senna
letztlich bei Toleman-Hart.
Brachte das Auftaktrennen 1984 in Rio de Janeiro 1984 mit einem frühen Ausfall
noch eine Enttäuschung, gab es schon im zweiten Lauf in Kyalami einen WM Punkt.
Seine ganz grosse Stunde schlug dann aber in Monte Carlo. Von den frühen
Morgenstunden an waren schwere Regengüsse über dem Zwergstaat am Mittelmeer
niedergegangen und es war klar dass sich unter solch extrem widrigen
Verhältnissen wirklich nur die besten würden durchsetzen können. Schon in der
ersten Kurve, der Saint Devote, kollidierten die beiden Renault Fahrer Patrick
Tambay und Derek Warwick. Damit war das 20-Wagen Feld auf 18 Boliden
zusammengeschrumpft. Ayrton Senna, den man bereits
als neuen "Nelson Piquet" handelte, war als Trainings-Dreizehnter ins Rennen
gegangen und kam als neunter aus der Startrunde zurück. Bis zur 19. Runde
kämpfte er sich auf Platz Zwei vor und gab dabei so routinierten und schnellen
Piloten wie Jacques Laffite,
Keke Rosberg und René Arnoux das Nachsehen. Während die brasilianischen
Fernsehsprecher in ihren winzigen Sprecherkabinen die sensationelle Fahrt ihres
Landsmannes mit Pulsschlag 180 durch den Äther jagten, verringerte Ayrton
Superstar den Rückstand auf Spitzenreiter Alain Prost mit jedem Umlauf. Allein
Stefan Bellof, unterdessen vom letzten auf den dritten Platz vorgerückt, konnte
eine vergleichbare Show bieten, die das Publikum bei jeder Passage von den
Sitzen riss. Dass die beiden Neulinge Alain Prost über kurz oder lang vom
Spitzenplatz verdrängen würden, schien nur eine Frage der Zeit. Doch bevor diese
entscheidenden, sensationellen Positionsveränderungen stattfinden konnten, brach
Rennleiter Jacky Ickx den Grand Prix nach nur 31 Runden ab. Nicht einmal die
Hälfte der vorgesehenen Distanz war zurückgelegt. Ickx Begründung für den frühen
Stop: Die Gefahr sei durch den starken Regen zu gross, um das Rennen ohne
unnötige Sicherheitsrisiken fortsetzen zu können. Ein umstrittener Entschluss.
Der brasilianische TV-Mann geriet aus dem Häuschen und sprach von Schiebung.
Auch Ayrton Senna sah sich um den Sieg betrogen: "Das Rennen brauchte nicht
abgebrochen zu werden. Zum Zeitpunkt des Abbruchs war der Regen nicht schlimmer
als zuvor. Ausserdem wird in Monaco so langsam gefahren, dass das Risiko bei
einem Unfall nicht sonderlich gross ist."
Noch
im selben Jahr stand Ayrton Senna ein weiteres Mal mit auf dem Siegerpodest. Im
WM Finale von Estoril musste sich der Toleman Fahrer lediglich dem in den
Titelkampf verbissenen McLaren Duo Alain Prost/Niki Lauda geschlagen geben. Auf
demselben Kurs holte sich dann Ayrton Senna sieben Monate später seinen ersten
Grand Prix Sieg. Inzwischen zu Lotus-Renault gewechselt, dominierte Ayrton Senna
das Rennen von der ersten bis zur letzten Runde. Wie in Monaco war es wieder ein
Rennen unter extrem schlechten Wetterbedingungen, das den Brasilianer so gut
aussehen liess. Und diesmal war es Senna, der das Rennen - diesmal allerdings
aus der Pole Position heraus- gerne abgebrochen gesehen hätte: "Der Regen war zu
stark. Beim Überrunden war die Sicht gleich Null. Das Rennen hätte gestoppt
werden müssen. Wenn ich hier für einen Abbruch war, und in Monaco dagegen, dann
hat das einen guten Grund - hier in Estoril wird viel schneller gefahren als in
Monaco, die Unfallgefahr mit möglicherweise ernsten Folgen ist ungleich
grösser." Hatte Ayrton Senna vergessen, dass die Geschwindigkeit allein vom
Fahrer bestimmt wird? Während er schneller fuhr als alle andern, meinte er, dass
dies viel zu gefährlich sei - logisch ist das nicht! Nigel Mansell sorgte durch
seine Aussage nach dem Estoril Grand Prix für zusätzliche Verwirrung: "Es
bestand kein Grund abzubrechen. Es war die richtige Entscheidung der
Rennleitung, das Rennen über die volle Distanz laufen zu lassen. Der Unterschied
zu Monaco - wo mit recht gestoppt wurde- ist leicht erklärt: In Monaco stand das
Wasser auf der Piste. Da gabs richtige Bäche. Hier in Estoril waren die Zustände
unangenehm, aber durchaus erträglich."
Diese gegensätzlichen Aussagen machen deutlich, dass es wohl nie eine objektive
Beeurteilung der äusseren Wetterumstände eines Grand Prix geben wird.
Unterschiedliche Grundeinstellungen, unterschiedliche Fahrkönnen, aber auch die
jeweilige Position eines Fahrers zum Zeitpunkt eines möglichen Abbruchs fliessen
in die Diskussion ein und machen die Suche nach einem gemeinsamen Nenner schwer.
Richtig ist sicher, dass die Piloten versuchen sollen, ihre Fahrt dem möglichen
Grenzbereich anzunähern, egal ob der in der Kurve XY im Trockenen bei 210 km/H
liegt oder nur bei 120 km(H im Regen. "Das ist auch meine Auffassung," meinte
der Östereicher Gerhard Berger, auf dieses Problem angesprochen, "aber wenn ich
dann im strömenden Regen draussen auf der Piste bin, dann kommen mir doch
manchmal Zweifel, weil die Gefahr des Aquaplanings praktisch nicht mehr
zu kontrollieren ist..."
Auch ein weiteres Problem des damaligen Grand Prix Sports wird an einer der
grossen Fahrten des jungen
Ayrton Senna deutlich: Das Problem des Benzinverbrauchs.
Von 1950 bis 1983 war der Spritkonsum in der Formel 1 freigestellt. Wer viel
Treibstoff verbrauchte, oder von vornherein - aus Gewichtsgründen- nur wenig
Benzin an Bord nahm, der ging das Risiko ein, nachtanken zu müssen. Ab 1984 war
aber der Gesamtkonsum pro Grand Prix auf 220 Liter beschränkt. Nachtanken war in
jedem Fall verboten, also
auch dann, wenn mit einer unter dem erlaubten Limit liegenden Benzinmenge
gestartet wurde. Die Regelgebende Automobilsport-Hoheit verfolgte mit dieser
Regeländerung zwei Absichten. Zum einen sollte der Leistungs Explosion der Turbo
Motoren und den damit verbundenen hohen Geschwindigkeiten ein Riegel
vorgeschoben werden, zum anderen wollte man in der Energie Diskussion ein
Goodwill Signal an die Adresse der Energie Sparer geben.
Diese einschneidende Regeländerung hatte zur Folge, dass nicht mehr unbedingt
der Pilot mit dem stärksten, sondern vielmehr mit dem effektivsten Motor für den
Sieg in Frage kommt. Wer einen durstigen Motor hatte, musste sich zügeln, sonst
kam er erst gar nicht ins Ziel. Die Behinderung durch die 220 liter Regel kommt
auf den verschiedenen GP Kursen natürlich unterschiedlich zum Tragen. Auf
Strecken mit langsamen Durchschnittsgeschwindigkeiten, wie Monaco, kommt niemand
in Bedrängnis, ja die erlaubten 220 Liter wurden nicht einmal voll ausgenutzt.
Aber auf Hochgeschwindigkeits Strecken wie Silverstone, Zeltweg oder Hockenheim
müssen sich die Piloten den kostbaren Saft sorgfältig einteilen. Meist geschieht
dies durch Reduzierung des Ladedrucks der Turbolader, der Boost wird
heruntergedreht, Leistung und Verbrauch sinken.
Am 5. Mai 1985 in Imola war Ayrton Senna der beherrschende Fahrer des Feldes. Er
war schon im Training Pole gefahren und auch im Rennen konnte niemand sein Tempo
mitgehen. Oder war den Konkurrenten in Wahrheit nur das Risiko zu gross? Das
Risiko ohne Benzin liegenzubleiben. Tatsächlich fuhr Ayrton Senna seinen Tank
vorzeitig trocken und zwei Monate später widerfuhr ihm das gleiche Missgeschick
- wieder überlegen in Führung liegend- in Silverstone erneut.
Zitat Keke Rosberg zu seinem Rücktritt: "Ich bin Rennfahrer, kein Taxi
Fahrer, so machts keinen Spass mehr!"
Sein erster GP Sieg in seiner Heimat Brasilien: Sao
Paulo 1991
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Der GP Brasilien war ihm schon immer ein besonderes
Anliegen. Ayrton Senna hat alles in seinem Leben gewonnen, nur den Grand Prix
vor der eigenen Haustür nicht. Bis 1991.
Die Begeisterung für Senna wird nicht von allen
Rennbesuchern geteilt. Bei einer Feier zu Ayrton Sennas 31. Geburtstag greift
sich ein Langfinger einen Briefumschlag, adressiert an den Hauptdarsteller.
Inhalt: 27 Freikarten für Familie und Freunde.
Ayrton Senna ist
untröstlich. Nicht einmal ein zweifacher Weltmeister kann bei Bernie Ecclestone
so ohne weiteres um Ersatz betteln. Wenn es um Gratiskarten geht zeigt sich der
Formel 1 Boss so unnachgiebig wie der Arbeitgeberverband bei der ersten
Tarifrunde. Für sein Heimspiel hat Senna vorgesorgt. Ecclestone wohnt als
Ehrengast in der Villa seiner Eltern.
Sao
Paulo, diese dahinwelkende 17 Millionen Einwohner Metropole, erwartet vom
prominentesten Sohn der Stadt einen Sieg. Senna von sich selbst auch. Der
Weltmeister muss doppelt so viele Autogramme schreiben, doppelt so viele Hände
schütteln wie sonst irgendwo auf der Welt.
Am ersten Trainingstag trocknet die Fahrbahn wegen des launischen Wetters nur
für wenige Minuten ab. Prost, Patrese, Piquet sind zur falschen Zeit mit den
falschen Reifen unterwegs. Sie sprechen von Lotterie.
Ayrton Senna
sagt nichts, er fährt einfach Bestzeit. Julio Pascual, der vor 20 Jahren die Go-Karts
des jungen Ayrton Senna vorbereitete, erinnert sich: "Er hat sich schon damals
nie beschwert. Statt Entschuldigungen zu suchen, hat er alle Informationen
aufgesaugt, die er kriegen konnte.
Ayrton Senna drückt seit 27 Jahren gewissermassen die Schulbank, denn er sass
schon im Alter von vier Jahren zum erstenmal im Kart. Die Geheimnisse über
Chassis, Motor und Reifen hat Senna in seinem Kopf gespeichert. Als Riccardo
Patrese im Abschlusstraining eine Zeit vorlegt, die um eine halbe Sekunde
schneller ist als Sennas Bestzeit, geht der Brasilianer in Klausur. Er studiert
die Motordaten, befragt die Fahrwerkstelemetrie nach Abtriebswerten und
Querbeschleunigungen, rechnet anhand des Diagramms der Gaspedalstellung hoch, wo
er noch ein paar Tausendstelsekunden früher Gas geben könnte. In der halben
Stunde Denkpause malt er sich aus, wie das Auto reagieren wird, wenn er die
Flügel flacher und die Dämpfer weicher stellt.
Senna
hat noch nie akzeptiert, dass andere schneller fahren als er. Nicht einmal, wenn
die Konkurrenz offensichtlich über besseres Material verfügt. Gerhard Berger
bewundert das unerschütterliche Selbstbewusstsein seines Stallgefährten: "Jeder
andere hätte sich gesagt: Die Williams sind einfach schneller hier. Nur Senna
will das nicht wahrhaben."
Patrese verliert die schon sicher geglaubte Pole um 38 Hundertstel. Ihm bleibt
die Genugtuung, dass Senna an seine persönlichen Limits gehen musste, um die
Zeit zu unterbieten. Gerhard Berger bemerkt: "Ayrton kann sich in den
entscheidenden Trainingsrunden so konzentrieren, dass er nie zu früh bremst und
nie zu spät aufs Gas geht. Alle andern haben mindestens einen Blackout in jeder
Runde."
Der Wunderknabe aus Sao Paulo überreizt nur alle Jubeljahre einmal. In Mexico
fordert ihn wieder Patrese heraus. Senna versucht daraufhin das Unmögliche, will
die Zielkurve im sechsten Gang nehmen. Schon am Kurveneingang sagen ihm seine
Sensoren, dass er zu schnell ist. Er schaltet einen Gang zurück, hält dabei das
Lenkrad nur mit der linken Hand, als ihm eine Bodenwelle einen Strich durch den
Balanceakt macht. Er verunfallt bei Tempo 260, überschlägt sich vor den
Fernsehkameras. "Mein Fehler" gibt Senna zu. Kritikern, die vermuten, Senna
würde sich in seinem Gottglauben für unsterblich halten, entgegnet er wütend:
"Ich habe genug Angst. Das Leben ist etwas Unwiederbringliches, und der Donnely
Unfall im letzten Jahr hat uns allen gezeigt, wie verwundbar wir sind."

Bei seinem Heim Grand Prix zeigt der vielleicht beste
Formel 1 Fahrer aller Zeiten das Kaleidoskop seiner Qualitäten, konzentriert auf
eine Stunde und 38 Minuten. Er kommt wie so oft am besten aus den Startlöchern.
Da Senna seine Stärken nie kommentiert muss Gerhard Berger das Rätsel Senna
entschleiern: "Ayrton schaltet immer nach dem Drehzahlmesser, auch im dichten
Startgewühl. So kann er die Gänge bis zur Grenze ausdrehen und hat gegenüber
denen einen Vorteil, die sich auf ihr Gehör verlassen." Der Brasilianer
kontrolliert wie kein Zweiter in der Hektik des Starts mehrere Dinge
gleichzeitig. Er beobachtet das Armaturenbrett, schaut auf die Strasse und sein
Instinkt sagt ihm, was die Gegner vorhaben und hinter ihm veranstalten.
Nigel Mansell ist 59 Runden lang lästig. Senna hält immer
stand. Wenn Mansell zweimal hintereinander Zeit gutmacht demoralisiert er ihn
mit einer schnelleren Runde.
Senna einholen und überholen sind zwei verschiedene Dinge.
Nigel Mansell wartet vergeblich auf einen Fehler seines Kontrahenten. Die
Fähigkeit, schnellere Autos in Schach zu halten, ohne unfair zu fahren, hat sich
Senna von Gilles Villeneuve abgeschaut: "Mein grösstes Rennen spielte sich am
Fernseher ab: Als Villeneuve in Jarama 1981 ein ganzes Rennen lang vier Autos
hinter sich gehalten hat."
Ab der 64. Runde hat der Lokalhero einen neuen Gegner:
sein Getriebe. Senna erzählt der Welt, dass er die letzten sieben Runden
ausschliesslich im letzten Gang gefahren sei. Das wird selbst von Experten
angezweifelt. Riccardo Patrese: "Ein paarmal muss er schon geschaltet haben,
sonst sind die Rundenzeiten von 1.23 minuten nicht möglich." McLaren Chef Ron
Dennis sagt im Scherz zu Senna: "Das hast du doch nur erzählt um dich noch
teurer zu machen." Senna kontert mit müdem Augenaufschlag: "Ron, du weisst doch,
dass ich ohnehin der teuerste Fahrer bin."
Eines
ist sicher: Das McLaren Getriebe war in den letzten Runden von einem schweren
Siechtum befallen. Wie Senna trotz einsetzendem Regens seine Fahrweise dem
technischen Gebrechen anpasste, attestiert ihm zumindest unendliches Feingefühl
in den Füssen. Honda schliesst sich nach Durchsicht der Motordaten Sennas
Schlussbilanz an: "Der liebe Gott hat geholfen, weil sich unter 3000 Touren bei
unserem Motor normalerweise nichts mehr abspielt."
Bei der Zieldurchfahrt entlädt sich die Spannung im
McLaren Cockpit mit einem Urschrei, der über das TV-Mikrophon bis in die
Wohnzimmer der Fernsehzuschauer dringt. Senna schreit halb vor Schmerz, weil er
Armkrämpfe wegen zu fest angezogener Gurte bekam, halb vor Freude, dass er
wieder ein Etappenziel auf dem Weg zur ewigen Nummer eins in der Statistik
abhaken konnte: der Triumph vor dem eigenen Publikum.
Senna spricht von einem Meilenstein in seiner Laufbahn:
"Nur vergleichbar mit meinem ersten GP Sieg in Portugal 1985 und meiner ersten
Weltmeisterschaft 1988 in Japan." Der Lenkradperfektionist aus Brasilien steht
so über den Dingen, dass er am Ende des Rennens jede Einzelheit der 71 Runden
aus seinem Gedächtnis abrufen kann. Er tut das in einem fast perfekten Englisch,
vorgetragen in dem für Brasilianer so typischen singenden Tonfall. Redet er
portugiesisch und ein Dolmetscher übersetzt die Worte des Meisters ins Englische
oder Italienische, passt er haarscharf auf und verbessert bei Bedarf. Obwohl es
ihm bei seiner Klasse eigentlich egal sein könnte: Senna legt Wert darauf was in
den Zeitungen steht. Besonders in den brasilianischen. Deshalb unterhält er auch
ein eigenes PR Büro, das Artikel über Senna in die Welt verschickt.
Nelson Piquet, auf der Strecke und in den Ranglisten der
Beliebtheit längst von seinem Landsmann ausgebremst, giftet: "Es gibt
brasilianische Journalisten, die trauen sich nicht mit mir zu reden, weil sie
Angst haben, dass Senna sie fallen lässt, wenn sie mir zu nahe stehen."
Ayrton Senna gewinnt die ersten vier Rennen in Folge, was
bis dahin noch keiner vor ihm geschafft hat. Kaum einer registriert, wieviel
Glück er dabei hat. In Phoenix ist ein Kabel für die Benzinpumpe bereits
durchgescheuert. Honda Rennleiter Akimasa Yasuoka verrät: " Ayrton wäre keine
Runde länger gefahren."
In Brasilien steht das Getriebe vor dem Kollaps. In Imola
und Monaco fällt der Öldruck des Honda V12 rundenlang auf Werte, die
normalerweise schwerwiegende Lagerschäden hervorrufen.
Die Frühform des Ayrton Senna muss für die Gegner
demütigend gewesen sein. Während Prost, Alesi, Berger, Mansell und Patrese im
Winter von einer Testfahrt zur anderen hetzen, liegt Senna drei Monate lang in
Brasilien am Strand. Einzige Verbindung zur Formel 1: das Telefon. Sein früherer
Renningenieur Steve Nicols kritisiert: " Für die Entwicklungsarbeit ist Ayrtons
Erholungsurlaub schlecht, weil Testfahrer wie Palmer oder McNish nie das im Auto
spüren, was ein Senna spürt."
Vor allem den Motorenleuten geht Senna ab. Der Brasilianer
versteht wie kaum ein anderer, in den Motor hineinzuhorchen und so dem Ingenieur
unersetzliche Informationen zu geben, die kein Computer aufzeichnen kann.
Renault Motorenchef Bernard Dudot erinnert sich an Sennas Lotus Zeit, als der
ihm 45 Minuten lang alle Reaktionen des Motors aus dem Gedächtnis beschrieb:
"Das Unglaubliche daran: Sennas Aussagen stimmten mit unseren Aufzeichnungen
exakt überein."
Bernie Ecclestone kommt deshalb zu dem Schluss: "Senna ist
allen andern
meilenweit voraus." Der Formel 1 Boss sieht seine
Hauptattraktion auch dann nicht als Totengräber des GP Sports, als Sennas
Überlegenheit alle einschläfert: "Ich wünsche ihm dass er alle 16 Rennen
gewinnt. Er wäre dann der Super-Superstar. So wie seinerzeit Björn Borg im
Tennis oder Muhammad Ali im Boxen. Die Leute wollen einen Überirdischen sehen,
weil sie nur darauf warten dass er mal geschlagen wird."
GP Japan: Suzuka 1989
wurde Senna der Sieg gestohlen?
Im Zeittraining in Suzuka wurde schnell deutlich, dass die
Titelanwärter Alain Prost und Ayrton Senna auf der Honda Hausstrecke keinen
Gegner zu fürchten brauchten. Nur Freitags konnte Nigel Mansell in die McLaren
Phalanx einbrechen, als der Brite seinen Ferrrari zwischen Senna und Prost
platzierte. Diese Scharte wetzte Ex Weltmeister Prost allerdings bereits im
Verlauf des Abschlusstrainings aus: Er qualifizierte sich neben seinem
Teamkollegen für die erste Startreihe.
Damit waren die Weichen für das Duell des Jahres gestellt:
Senna musste um jeden Preis siegen, jede andere Platzierung des Champions würde
Prost vorzeitig zum neuen Weltmeister machen. Schon in der Sekunde des Starts
wurde dann allerdings deutlich dass der Franzose sein Schicksal vor 130 000
Zuschauern in die eigenen Hände nehmen wollte. Er überrumpelte seinen
Widersacher mit einem perfekten Start und gab ihm zunächst keinerlei Gelegenheit
zurückzuschlagen. Senna eroberte zwar kurzfristig die Führung, als sich Prost an
den Boxen neue Reifen holt, aber nachdem auch der zweite McLaren auf frischen
Pneus unterwegs war, galt wieder die alte Reihenfolge.
Das Rennen trat in seine entscheidende Phase, als sich
Senna - dessen Rückstand auf Prost zu keinem Zeitpunkt mehr als 4,9 Sekunden
betragen hatte - dem Franzosen in der 40. Runde auf weniger als eine Sekunde
näherte. Nach mehreren vergeblichen Anläufen, Prost zu überholen, wagte der
Titelverteidiger während des 47. Umlaufs einen verzweifelten Angriff, versuchte
vor der Schikane vor Start und Ziel innen vorbeizukommen. Doch Prost hielt
dagegen und beide Autos blieben mit den Rädern ineinander verhakt, am Rande der
Piste stehen!
Mit
Hilfe der Streckenposten setzte Senna zwar die Fahrt alleine fort, er verlor
aber auf der nächsten Runde seinen gesamten Frontflügel und musste einen
Reparaturstopp an der Boxe einlegen. Jetzt war Alessandro Nannini auf dem
Benetton in Front. Erst in der vorletzten Runde gelang es Senna - übrigens
wieder an der gleichen Stelle - endgültig in Führung zu gehen.
Aber die Siegerehrung fand nach langen Verhandlungen - die
meisten TV Anstalten hatten die Direktübertragung schon beendet - ohne Senna
statt. Die Sportkommissare hatten ihn wegen gefährlicher Fahrweise und wegen
Auslassens der Schikane disqualifiziert. Sieger also der Zweitplazierte,
Alessandro Nannini, es war sein einziger Grand Prix Sieg.
Mit diesem Resultat wäre Alain Prost Weltmeister gewesen,
doch McLaren Teamchef Ron Dennis legte Berufung ein. In der folgenden Woche soll
darüber vor dem FISA Gericht in Paris verhandelt werden. Der Entscheid wurde
bestätigt und damit war Alain Prost Weltmeister 1989, egal ob Senna das letzte
Rennen in Adelaide gewinnen würde.
Beim Regenrennen in Adelaide stieg Prost schon nach einer
Runde aus seinem McLaren, Senna und viele andere crashten. Das Rennen wurde
abgebrochen und Thierry Boutsen auf Williams Renault gewann das Rennen.
Ein bitterer Beigeschmack bleibt an dieser
spannenden Saison 1989 haften: Aus heutiger Sicht hat Prost in Suzuka
absichtlich die Türe zugemacht mit dem Wissen bei einem Crash Weltmeister zu
sein. Zudem sind Prost und Balestre beides Franzosen.
Fortsetzung vor Gericht in Paris und in
Phoenix 1990
Der Prolog zur 41. Formel 1 WM findet im
Saale statt. Im Mittelpunkt des Formel 1 Winters steht das FISA Hauptquartier in
Paris. Dort entscheidet sich das Schicksal des besten Formel 1 Piloten unserer
Zeit.
Die Testfahrten interessieren höchstens am Rande.
McLaren-Honda taucht in der rennfreien Zeit nur sporadisch beim Testen auf.
Teamchef Ron Dennis gönnt seinen Starfahrern Ayrton Senna (Prost wechselte zu
Ferrari) und Gerhard Berger einen langen Urlaub. Dafür muss Ersatzpilot Jonathan
Palmer im Honda Lager von Suzuka überwintern. Auf dem Programm stehen 10 000
Kilometer Dauerlauf mit dem Honda V10.
Ayrton Senna ist froh, dass sein Testkalender freigeräumt
wurde. Ihn plagen andere Sorgen. Das Saisonfinale 1989 hat ein unrühmliches
Nachspiel, das die Motorsport Gazetten vier Monate lang mit Geschichten
versorgt. Es geht um Sennas Behauptung: "Der Ausgang der Weltmeisterschaft 1989
wurde manipuliert. Man hat mir den Sieg in Suzuka gestohlen."
Senna verdächtigt die Sportbehörde FISA eines Komplotts
gegen ihn. Da klingt durch, dass der allmächtige Präsident Jean-Marie Balestre
seinem Landsmann Alain Prost in einer Art Freundschaftsdienst den Titel
verschafft hat. Der Präsident bestreitet dies und holt zu einem Gegenschlag aus.
Als Antwort auf Sennas Attacken spricht die FISA gegen den Brasilianer eine
dubiose 100 000 Dollar Strafe wegen gefährlichen Fahrens aus.
Ron Dennis und Ayrton Senna verlieren wie erwartet die
Machtprobe gegen den Olymp des Motorsports. Genaugenommen gibt es gar keine
Chance, eine Berufung gegen die FISA zu gewinnen.(Das kennen wir ja auch aus der
jüngsten Vergangenheit) Denn die oberste Berufungsinstanz ist die FIA und deren
Präsident - man ahnt es schon- ist Jean-Marie Balestre. Ein FISA Mitglied, das
ungenannt bleiben will, erklärt: "Ron Dennis hätte sich allen Ärger ersparen
können, wenn er beim japanischen Automobilclub protestiert hätte. Warum musste
er unbedingt mit viel Geschrei nach Paris? Sein Ego ist ihm diesmal auf den Kopf
gefallen."
Der Vorwurf ist berechtigt.
Frank
Williams hatte mit seiner Klage gegen die Disqualifikation von Thierry Boutsen
beim GP San Marino 1989 vor einem nationalen Sportgericht wesentlich mehr Erfolg
als Ron Dennis. Boutsen bekam die Punkte zurück und Frank Williams belehrt Ron
Dennis: "Man sollte Balestre aus dem Weg gehen, wo immer das möglich ist. Ihn
nicht beachten, das trifft ihn am härtesten."
Am 7.Dezember 1989 wird Ayrton Senna nach Paris geladen.
In einem 90minütigen Gespräch wiederholt der entthronte Weltmeister im Beisein
seines Anwalts seine Anschuldigungen. Jean-Marie Balestre kontert nach einem
Monat Bedenkzeit. In einem offenen Brief lässt er wissen: "Wenn Herr Senna bis
zum 15. Februar seine diffamierenden Äusserungen gegen die FISA nicht öffentlich
bedauert, wird seine Superlizenz einbehalten."
Der Artikel 29d des FIA-Reglements und 58 des
Sportgesetzes geben Balestre alle Trümpfe in die Hand. Sinngemäss steht darin,
dass jeder Lizenznehmer der in Wort oder Tat der FISA Schaden zufügt, von
Veranstaltungen ausgeschlossen werden kann.
Ayrton Senna taucht im Strandleben Brasiliens unter. Die
nationale Presse ist dem Superstar ständig auf den Fersen. Sie spürt ihn in
seinem Feriendomizil Angra dos Reis zwischen Rio und Sao Paulo auf. Weil Senna
nicht sprechen will, werden Balestre-Karikaturen ins Blatt gehoben oder gerüchte
gestreut. Etwa dass die Bürgermeisterin von Sao Paulo plane, den Grand Prix
abzusagen, sollte der Lokalheld nicht starten dürfen.
Ein Reporter einer Tageszeitung kommt stolz mit einem
Senna Interview in die Redaktion zurück, um dort zu erfahren, dass Senna in der
Zwischenzeit den Chefredakteur gebeten habe, die Veröffentlichung abzublasen.
Als der 15. Februar näher rückt, überschlagen sich die Meldungen in den Medien.
Jeden Tag etwas Neues: McLaren zieht sich zurück, Senna fährt in Indy, Senna
hört auf. Zwischendurch neu aufgewärmte Hintergründe über Balestres angebliche
Nazi-Vergangenheit. Ayrton Senna wird einmal zitiert: "Ich kann ruhig schlafen
Balestre und Prost können das nicht."
An dem Gerücht dass Senna aufhören will ist etwas dran.
Der Brasilianer verrät später: "Es gab Anfang Februar ein paar Tage, da hatte
ich mit der Formel 1 schon abgeschlossen." Ron Dennis der in der heissen Phase
Urlaub in der Karibik macht, telefoniert täglich mit seinem Sorgenkind. Er
trichtert Senna ein: "Sag am besten gar nichts, jedes Wort zuviel kann die Lage
nur verschlimmern."
McLaren zahlt die 100 000 Dollar Strafe für Senna mit
Verspätung. 50 000 Dollar davon gehen an den immer noch gelähmten Philippe
Sreiff. Balestre macht sich wichtig, indem er posaunt dass er McLaren hätte
sperren lassen können, wenn die Summe nicht bezahlt worden wäre. Am 15. Februar
bekommt Senna einen vorbereiteten Brief zugeschickt, in dem er sich
entschuldigen soll. Bernie Ecclestone hat den Text so abgefasst, dass es für
Senna nicht wie ein Offenbarungseid aussieht.
Doch der geächtete McLaren Pilot ist nicht zufrieden. Ihn
stört der Satz:"...nachdem ich alle Zeugenaussagen vorliegen habe, schliesse
ich, Ayrton Senna, aus, dass der Präsident oder eine andere Person der FISA
Einfluss auf den Ausgang der WM genommen haben."
Senna hätte lieber die unverbindliche Formulierung:
"...kann man ausschliessen dass..." Zwischen Sao Paulo, London und Paris glühen
die Telefondrähte in dieser Nacht.
Die FISA ist mittlerweile von ihrem Ultimatum abgerückt,
denn Mitternacht ist längst vorbei. Am Morgen des 16. Februar informiert Ron
Dennis den FISA-Generalsekretär Yvon Léon, den treuen Diener seines Herrn, dass
Senna weitere Textpassagen korrigiert haben will. Balestre reisst der
Geduldsfaden. Um 15.11 Uhr tickert es aus dem Fernschreiber: McLaren fährt mit
Berger und Palmer.
Sennas Wiederstand weicht auf. Er lässt Ron Dennis und
Honda Chef Nobuhiko Kawamoto wissen: "Entscheidet euch für mich. Ich bin nur der
Fahrer. Was immer ihr von mir verlangt, ich werde loyal zu euch sein. Das bin
ich euch schuldig."
McLaren, Honda und Marlboro bitten Senna den Brief zu
unterschreiben. Jean-Marie Balestre lässt seine Nachricht von 15.11 Uhr für
nichtig erklären und beglückt die Öffentlichkeit exakt eine Stunde und 21
Minuten später mit einer revidierten Starterliste, die unter der Nummer 27
Ayrton Senna aufführt. Scheinheilig bestätigt er Sennas Superlizenz mit den
Worten: "Wir erteilen Ihnen die Lizenz und wünschen Ihnen Erfolg in einer
Meisterschaft, in der Sie ihre Qualitäten als Champion beweisen können."
Damit ist das peinliche Geplänkel noch nicht ausgestanden.
Sennas PR-Agentur verbreitet, dass Senna nicht einen Cent der 100 000 Dollar
Strafe aus eigener Tasche bezahlt habe. Trotz eines Stillhalteabkommens gibt
Senna der französischen Sportzeitung L`equipe ein Interview, das die
Hintergründe seines Einlenkens aufhellt. Balestre erklärt aufgebracht: "Ich kann
Sennas Lizenz jederzeit wieder einziehen."
In Phoenix wird der Kleinkrieg mit Schlägen unter die
Gürtellinie fortgesetzt. Als sich Senna bei der obligatorischen Wiegeprozedur
seine Superlizenz abholen will, ist diese von der FISA noch nicht
unterschrieben. Ein McLaren Teammitglied muss das Autogramm nachtragen lassen.
Ayrton Senna hebt sich die schmerzhafteste Ohrfeige an
seinen Widersacher für das Rennen auf. Er trifft Ba lestre auf dem Siegerpodest. Der
Herr Präsident steht dort wie ein Fremdkörper. Eigentlich hätte er den drei
Erstplatzierten gerne die Pokale überreicht, doch diese Schmach erspart er sich.
Senna hat dem Mann, der ihn ohne zu zögern gesperrt hätte, mit dem Gasfuss
gezeigt, dass die Formel 1 ohne ihn wie ein Film ohne Hauptdarsteller wäre. Der
Sieger des ersten Grand Prix wirkt trotzdem nicht glücklich. Senna versichert,
dass er ohne Freude, wie ein Computer seine Pflicht erfüllt habe.
Suzuka 1990
Die Revanche
In Monza geben sich Ayrton Senna und Alain
Prost noch versöhnlich die Hände. Der Waffenstillstand dauert genau drei Rennen,
bis Suzuka, da endet der Waffenstillstand. Eine neue Eiszeit beginnt.
Die Ausgangssituation in Suzuka ist so, wie man es
sich für ein spannendes Titelrennen wünscht. Ayrton Senna steht auf der Pole,
aber nur mit dem Maximalabstand von zwei Zehnteln vor Alain Prost. Ayrton Senna
ist der Meinung die Poleposition gehöre auf die linke Seite,wo der meiste
Gummiabrieb liegt, nicht innen, wo der meiste Schmutz liegt. Balestre
bleibt uneinsichtig und beharrt darauf, dass die Seiten nicht gewechselt werden.
180 000 Japaner warten in der Naturarena seit dem
Morgengrauen auf die grosse Stunde. Die Europäisierung hat im Land der
aufgehenden Sonne dramatische Fortschritte gemacht. Diszipliniert sind die
Japaner nur noch wenn sie irgendwo anstehen müssen. Taucht Volksheld Aguri
Suzuki auf oder einer der McLaren Stars, ist es mit der fernöstlichen
Zurückhaltung vorbei. Als Gerhard Berger den Kilometer vom Fahrerlager zum
Suzuka Circuit Hotel zurücklegen will empfängt ihn eine hysterische Menge. Die
Massen stellen sich dem Honda Pilot entschlossen in den Weg, und die Polizei
kann sie nur mit verschärftem körperlichen Einsatz davon abhalten, Berger aus
dem Auto zu ziehen. Die Begeisterungsszenen erinnern stark an die
Ohnmachtsanfälle der Fans bei früheren Beatles Konzerten. Gerhard Berger gibt
entgeistert zu: "Bei sowas kannst du Angst kriegen."
Das Spannungsmoment, das von der Privatfehde der beiden
besten Formel 1 Fahrer ausgeht, hat auch Japan erreicht. Auf den vollbesetzten
Rängen freut man sich auf einen 120 Minuten oder 305 Kilometer dauernden
Nervenkitzel. Tatsächlich ist der Spuk nach 10 Sekunden oder 400 Metern zu
Ende. Alain Prost startet auf der Aussenspur wie erwartet besser. Vor dem ersten
Rechtsknick liegt er fast eine Wagenlänge vor Ayrton Senna. Unvorsichtigerweise
lässt Prost eine Lücke auf der Innenspur frei. In die sticht Senna mit dem Mut
der Verzweiflung hinein, obwohl er wissen muss, dass dieses Manöver nie und
nimmer gut gehen kann.
Der McLaren knallt dem Ferrari ins Heck und reisst ihm den Heckflügel ab. Beide
Autos kreiseln bei Tempo 250 in den Sand. Ayrton Senna ist Weltmeister. Ohne
sich umzuschauen begeben sich die beiden zurück zu den Boxen. Senna behält den
Helm auf, Prost trägt ihn in der Hand.
Alain Prost erklärt mürrisch das, was der Grossteil der
Augenzeugen vor den Fernsehern denkt: "Das war Absicht von Senna. Er hatte keine
Chance mich dort zu überholen. Der Unfall bestätigt was ich immer gesagt habe.
Für den WM Titel würde Ayrton Senna sogar das Leben geben und das anderer aufs
Spiel setzen." Sein Widersacher hat natürlich eine andere Ansicht: "Prost ist
selber schuld. Er muss wissen, dass ich jede Lücke nutze die ich sehe. Warum hat
er mir dann die Türe zugeworfen?" Ferrari Rennleiter Cesare Fiorio grantelt:
"Ich verstehe nicht, dass ein Champion wie Senna so eine Aktion nötig hat."
Nigel Mansell spielt den Blinden: "Ich habe mich voll auf Gerhard Berger
konzentriert." Nelson Piquet, der spätere Sieger hat besser hingeschaut: "Der
Senna ist dem Prost ganz klar in die Kiste gefahren."
Ayrton Senna sind die Vorwürfe ziemlich egal: "Ich hab die
WM nicht durch die Kollision in Suzuka gewonnen, sondern weil ich in der
gesamten Saison der Beste war." Auf dem Fussmarsch von der Unfallstelle zu den
Boxen lässt Senna noch einmal das ereignisreiche letzte Jahr Revue passieren. Er
denkt an den Streit mit Prost wegen der Absprache in Imola, an den Crash mit
Nigel Mansell in Portugal, an die WM Entscheidung am gleichen Ort vor einem
Jahr. Damals hatte Prost von einer Karambolage profitiert. Der Franzose brauchte
zum Titelgewinn allerdings noch die FISA, die Senna nachträglich
disqualifizierte und mit einem kindischen Kleinkrieg demütigte. Die Verarbeitung
der schmerzhaften Vergangenheit bringt Senna Erleichterung: "Suzuka hat mich für
alles entschädigt."
Es
muss
dem Brasilianer ein Dorn im Auge gewesen sein, dass ihn Prost zwölf Monate zuvor
in eine ausweglose Situation manövriert hat. Prost hielt damals alle Joker in
der Hand und spielte diese durch eine Kollision in der Schikane schliesslich
aus. 1990 sind die Karten genau anders herum verteilt. Dass sich der Poker am
gleichen Spieltisch, nämlich in Suzuka abspielt, passt in Sennas Revanche
Feldzug. Er geht bei der Erreichung seiner Ziele allerdings weniger subtil vor
als Prost das gemacht hat. Den Ferrari schon beim Start von der Bahn zu rempeln
ist ein offensichtliches Foul.
Der Ärger hat sich bei Senna schon vor dem Start
aufgebaut. Die Sportkommisäre weigern sich den besten Startplatz auf die linke
Strassenseite zu verlegen, die deutlich mehr Grip bietet. Senna wittert eine
weitere Verschwörung der FISA. Deshalb meint er später sarkastisch: "Hätte man
den Startplatz verlegt, wäre alles ganz anders gekommen." Alain Prost hat drei
Chancen gefahrlos an Senna vorbeizukommen: Beim Start, beim Reifenwechsel oder
wenn Senna einen Fehler macht. Normales Überholen streicht er aus seinen
Überlegungen. Die modernen Formel 1 Autos produzieren so starke Turbulenzen,
dass der Trick mit dem Windschatten nur noch selten funktioniert. Gerhard Berger
weiss: "Im Windschatten wird der Luftstrom in die Airbox beeinträchtigt und die
Wassertemperatur steigt. Da fällt die Leistung gleich ein paar PS in den
Keller." Honda schluckt die punktelose Pleite ohne Donnerwetter. Sennas Titel
und die Konstrukteurs-WM überstrahlen die Tatsache, dass Gerhard Berger nur eine
Runde später auf einer Mischung aus Öl und Dreck ins Kiesbett rauscht.
Zum zweiten Mal hintereinander wurde also die Formel 1
Weltmeisterschaft durch eine Karambolage
 |
entschieden. Parallelen gibt es zuhauf:
Wieder im vorletzten Rennen der Saison, wieder in Suzuka und wieder waren Ayrton
Senna und Alain Prost daran beteiligt. Worauf sich der unvoreingenommene
Beobachter in Anbetracht der Tatsache, dass die WM aus nicht weniger als 16
Rennen besteht, eigentlich fragen müsste, wieso die angeblich besten Fahrer
keinen anderen Weg zur Titelentscheidung finden, als sich gegenseitig in die
Karre zu fahren.
Schwer zu sagen, wann dieses Duell der Formel 1 Giganten,
Prost gegen Senna, zu eskalieren begann. Sicher nicht erst in Suzuka 1989, als
sich der Brasilianer zu Recht um seinen Titel betrogen sah. Eher schon in Imola
fünf Monate zuvor, als Senna, so sah es zumindest Prost, eine teaminterne
Abmachung nicht einhielt. Aber im Grunde begann die Lunte zwischen den beiden
wohl in jenem Moment zu brennen, als Senna im Herbst 1987 seine Unterschrift
unter einen McLaren Vertrag setzte: auf der einen Seite das Genie Senna, der
beste, schnellste, wahrscheinlich tapferste und risikofreudigste Rennfahrer der
damaligen Zeit, ein Mann ohne Kompromisse, ein Gerechtigkeitsfanatiker, ein
Besessener seines Sports. Auf der anderen Seite Alain Prost, der zu dem
Zeitpunkt als Senna zu McLaren stiess, vier Weltmeisterschaften verloren und
zwei gewonnen hatte, der von Niki Lauda gelernt hatte, wie man ein Team auf
seine Seite zieht und den Kollegen im luftleeren Raum ersticken lässt. Mit allen
Wassern gewaschen, abgebrüht und ausgekocht, der aber, wenn es darauf ankam und
es unbedingt sein musste, immer noch so schnell fahren konnte wie jeder andere.
Dass zwischen diesen beiden keine Freundschaft entstehen konnte, war klar. Dass
selbst die anfangs noch bestehende gegenseitige Anerkennung verkümmerte, die
Fünkchen Respekt sich im Nichts auflösten, dafür sorgten die nervenaufreibenden
Mühlen zweijähriger Zusammenarbeit auf engstem Raum.
Am Schluss war Prost für Senna der intrigante, notorisch
lügende Quertreiber und Profiteur, und umgekehrt hielt Prost den Brasilianer für
einen Wahnsinnigen, dem sein Glaube an Gott zu selbstmörderischen Aktionen
verleitete. Dass die beiden 1990 in verschiedenen Teams antraten, änderte nichts
am Verhältnis der beiden. In der ersten Kurve des Japan Grand Prix erreichte das
Gigantenduell seinen Kulminationspunkt. Dass Ayrton Senna gerade dann nicht
nachgeben würde, wenn ein Doppelausfall der beiden WM-Aspiranten den eigenen
Titel bedeutete, hätte "Professor" Prost eigentlich wissen müssen.
Dass Senna den Titel im Staub von Suzuka erzwang, mag
einen Makel bedeuten. Dass er mit sechs Saisonsiegen und mittlerweile über 50
Pole Positions der würdige Champion 1990 war, steht für mich ausser Frage.
Imola 1. Mai 1994
Der 1. Mai in Imola 1994 war ein
warmer, schöner Tag, gar nicht mehr wie im Frühling, fast schon wie im Sommer.
Auch der Abend ist noch warm, auch wenn die Sonne schon seit einiger Zeit hinter
den Bäumen der Tamburello-Kurve verschwunden ist. Die eisige Kälte kommt von
innen, von der Begegnung mit der Realität.
Die Spuren auf dem Asphalt, an der Betonmauer - klar, hart, brutal. Sie
vernichten die letzte Illusion, dass ein Erwachen aus dem Alptraum möglich ist.
Trotzdem: die Stille, die Fassungslosigkeit, die Würde der noch wenigen Menschen
die sich hier getroffen haben, sie machen die Kälte ein bisschen erträglicher.
Ein paar Blumen an der Wand, dann auch ein Foto, die ersten Briefe und Grüsse,
auf alle erreichbaren Zettel und Papierfetzen geschrieben, letzter Abschied von
einem Rennfahrer, einem Idol und einem Freund.
Das fatale Imola Wochenende beginnt für Ayrton Senna am Donnerstag im Sheraton
Hotel in Padua mit einer Pressekonferenz zur Vorstellung seines neuen
Mountainbikes, ein Gemeinschaftsprojekt mit der italienischen Firma Carraro,
eine lange geplante Sache, eines der vielen neuen Produkte der Marke Senna, dem
berühmten "Roten S". Kaum Formel 1 Journalisten, mehr Lokalprominenz aus Padua
und Umgebung. Was aber den wenigsten anwesenden Experten auffällt: Ayrton Senna
ist, vor allem am Anfang der Veranstaltung, ungewöhnlich verkrampft, wirkt
nervös und angespannt, wird erst ganz allmählich lockerer, versucht dann aber
auch Zuversicht zu verbreiten: "Für mich beginnt die WM erst in Imola" meint er,
"mit zwei Rennen Handicap..."
In Padua intern viel diskutiert: die Gerüchte, ob wohl neben Ferrari auch
Benetton mit der - verbotenen Traktionskontrolle- gefahren sei. Kommt ein Teil
des Drucks daher, dass er befürchtet mit unfairen Mitteln bekämpft zu werden? "
ich kann eigentlich dazu nicht viel sagen" meint Senna vorsichtig und gibt dann
doch eine Antwort, die wenig und zugleich viel sagt: "Es ist schwierig über
Dinge zu reden, die man nicht beweisen kann,"
Am Freitag Vormittag ist er mit dem Williams-Renault recht zufrieden, am
Nachmittag schreckt der Unfall von Rubens Barrichello auf, der in der Schikane
über die Randsteine abfliegt und über die Reifenstapel vom Zaun
zurückgeschleudert wird. Er bleibt zunächst bewusstlos im Auto liegen. Dass
Barrichello mit einem gebrochenen Nasenbein und einer Rippenprellung
davongekommen ist, wagt direkt nach dem Unfall niemand zu glauben. Ayrton Senna
ist sehr besorgt, kümmert sich um Barrichello, ist auch im Medical Center, dem
Streckenhospital, kurz bei ihm. Als das abgebrochene Training wieder aufgenommen
wird, steigert er seine Zeit um fast eine Sekunde und ist am Ende auch mit etwa
einer halben Sekunde Vorsprung Schnellster, aber angeschlagen. Als er aus dem
Auto steigt, hinten aus der Box kommt, will er eigentlich seine übliche
Interview Runde starten, ist aber sichtlich irritiert. Ein paar Fans, die ihn
vom Balkon oberhalb des Williams Transporters lautstark feiern und aufmuntern
wollen, stören zusätzlich. "Zeig Schumacher wer hier der Meister ist" und
ähnliche Sprüche. Ayrton Senna kann offenbar nicht wie sonst einfach weghören.
Als RTL Reporter Kai Ebel ihn nach Rubens Barrichello fragt, fängt er dreimal
einen Satz an, verliert immer wieder den Faden. "Sorry, es geht nicht, ich kann
so nicht arbeiten. Lasst mich erst ein bisschen zur Ruhe kommen" und rennt in
den Transporter. Als er nach einer halben Stunde wiederkommt hat er sich
gefangen. "Aber es war kein gutes Training heute, der Unfall von Rubens
Barrichello hat von Anfang an ganz schlechte Gefühle geschaffen. Er ist ein
Freund von mir, ich habe danach keine einzige vernünftige Runde ohne Fehler
zustandegebracht". "Das Auto war okay, auch wenn ich wegen der ganzen Umstände
nicht viel sagen kann. Aber ich war heute nicht perfekt." Und danach sagt er den
Italienern noch, dass Imola eine gefährliche Strecke sei, dass es hier einige
Punkte gebe die sicherheitsmässig nicht in Ordnung sind. Und warum die Fahrer
nichts dagegen täten? Die Antwort klingt irgendwie resigniert: "Ich bin als
einziger Weltmeister übriggeblieben und ich habe mir oft genug den Mund
verbrannt. Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, dass es besser ist, sich nicht
immer so weit aus dem Fenster zu lehnen..."
Am späten Nachmittag gibt er dem brasilianischen Journalisten Mario Andade e
Silva noch ein kurzes Exklusivinterview, ein bisschen zwischen Tür und Angel, in
einer kurzen Pause des Teambriefings, als sein Renningenieur David Brown gerade
mal ein paar Minuten Daten sammeln geht.
Mario erinnert sich: "Es ging nur um seine Mountain Bike Präsentation weil ich
nicht in Padua sein konnte. Wir hatten einen Termin ausgemacht, er hat ihn
zweimal verschoben, dann hat er mich endlich reingerufen, hat gesagt, entweder
wir machen das jetzt ganz schnell, so lange, bis David zurückkommt, oder gar
nicht mehr. Und so ist es dann auch gelaufen. Als David zurückkam, hat er sich
sofort wieder mit ihm in kleinste Details vertieft. Das war nach sechs Uhr und
ich hatte das Gefühl, die sind noch nicht mal zur Hälfte mit ihrem Briefing
durch."
Tatsächlich bleibt Senna bis abends nach 20 Uhr an der Strecke, arbeitet
unglaublich intensiv. Er weiss, Imola muss die WM Wende bringen.
 |
Am
Samstag schlägt das Unheil zum erstenmal zu. Als Roland Ratzenberger in der
Villeneuve Kurve bei Tempo 315 -so die letzte Lichtschrankenmessung- der
Frontflügel am Simtek wegbricht, hat der Österreicher keine Chance. Die
Fernsehbilder sind brutal, lassen von Anfang an keinen Raum für Hoffnung. Die
Formel 1 hält den Atem an. Senna sucht die direkte Konfrontation mit der Härte
der Realität. Er fährt zur Unfallstelle um sich selbst ein Bild zu machen, sieht
dann Ratzenberger auch noch ganz kurz vor dem Abtransport mit dem Helikopter vom
Medical Centre nach Bologna. Als Ayrton an die Box zurückkommt, ist er völlig
erschüttert, stürzt in den Transporter, zieht sich sofort um. Kein Gedanke mehr
an Weiterfahren, auch wenn Frank Williams ihn kurz danach fragt, aber eigentlich
mehr pro forma.
Auch Damon Hill will nicht mehr, wie auch die Fahrer von Sauber und Benetton.
Michael Schumacher ist tief betroffen, J.J Lehto weint: "Ich bin mit Roland noch
von Monaco hierher gekommen." Heinz Harald Frentzen, der mit Ratzenberger in
Japan viel gemeinsam unternommen hat, will sofort ins Hotel, möchte mit
niemandem reden. Auch Ayrton Senna zieht sich völlig zurück. Er rennt die paar
Meter vom Transporter ins Motorhome, mit einem unbeschreiblichen Ausdruck in den
Augen, nichts um sich wahrnehmend.
Abends beim Essen fragt er seinen österreichischen Fitnessbetreuer und Freund
Josef Leberer, der an diesem Samstag Geburtstag hat, nach Ratzenberger. Leberer
denkt daran, eine österreichische Flagge zu besorgen falls Ayrton am Sonntag
aufs Podest kommt. Am Samstag Abend ruft Senna seine Freundin Adriane an, die
nicht nach Imola mitgekommen ist und sagt: "Ich habe ein ganz schlechtes Gefühl
für dieses Rennen, ich würde am liebsten gar nicht fahren..." Sätze die Adrianes
Mutter später im brasilianischen Fernsehen öffentlich macht. Als Ayrton Senna am
Sonntag Morgen ins Fahrerlager kommt, sieht man ihm die Anspannung deutlich an,
aber im Gegensatz zum Samstag ist er doch schon wieder etwas offener,
registriert seine Umgebung wieder, da und dort ein kurzer Gruss. Niki Lauda
redet mindestens zehn Minuten auf ihn ein, fordert ihn auf, endlich etwas in
Sachen Sicherheit zu unternehmen. Als er zum Warm-Up in den Williams Renault
steigt, wirkt er sehr entschlossen
Seine Pressesprecherin bestätigt die
Geschichte die als Gerücht die Runde machte: Ayrton Senna hatte am Samstag
Nachmittag von den Sportkommissären eine schriftliche Abmahnung erhalten. Er
habe am Unfallort von Roland Ratzenberger nichts zu suchen gehabt, er solle eine
Erklärung abgeben, was er da gewollt habe. Schliesslich sei er kein
Sicherheitsbeauftragter, es sei nicht seine Aufgabe, sich um solche Dinge zu
kümmern.
Während des Warm-Up schickt Senna über den Williams Boxenfunk Alain Prost, der
zum erstenmal in diesem Jahr bei einem Grand Prix auftaucht, einen kurzen Gruss:
"Hallo mein Freund, ich vermisse dich..."
Die beiden alten Rivalen sitzen an diesem Sonntagmorgen auch bei einem kurzen
Frühstück zusammen. "Zum erstenmal seit langer Zeit haben wir richtig normal
miteinander geredet, einige Differenzen die es zwischen uns gab, aus der Welt
geschafft", wird sich Alain Prost später erinnern. Im Fahrerbriefing weist Senna
noch einmal daraufhin, dass die Einführungsrunde hinter dem Pace Car in Aida ein
absoluter Blödsinn gewesen sei. Durch die langsame fahrt des Pace Cars hatten
alle am Start zu kalte reifen und Bremsen. Eindringlich fordert er dazu auf dass
das in Zukunft nicht mehr passiert. Nach dem Briefing sucht er das Gespräch mit
den Kollegen über die Sicherheit. Mit Michael Schumacher, Gerhard Berger und
Michele Alboreto. Man vereinbart, am Freitag in Monaco ein Meeting mit allen
Fahrern über Sicherheitsfragen abzuhalten. Die
 |
Atmosphäre zwischen den Fahrern
ist entspannt. Michael Schumacher sagt später: "Ich bin froh, dass wir uns in
letzter Zeit wieder nähergekommen sind, dass auch dieses letzte Gespräch in
freundschaftlicher Stimmung stattgefunden hat."
Die Suche nach Harmonie, schon in der ganzen letzten Zeit. Schon seit dem
Brasilien GP sucht er deutlich immer wieder Kontakt zu Michael Schumacher,
betont, dass es da keine Feindschaft gebe. Auf dem Rückflug von Aida, in der
British Airways, von Osaka nach London, geht er am Montag nach dem Pazifik GP
auf Mika Häkkinen zu, klopft seinem letztjährigen McLaren Teamkollegen
freundschaftlich auf die Schulter, quasi eine vorsichtige Entschuldigung
seinerseits. Am Sonntag im Rennen hatte ihn der Finne in der ersten Kurve
ungestüm abgeschossen, Ayrton Senna war verständlicherweise sehr verärgert
gewesen. Auch ein Gespräch von Anfang März passt in die Suche nach der Harmonie:
in Le Castellet, Ende Februar, haben wir über 1984 gesprochen, sein erstes Jahr
in der Formel 1. Johnny Cecotto, der damals bei Toleman sein Teamkollege war,
konnte ihm immer noch nicht verzeihen dass er sich damals nach seinem Unfall in
Brands Hatch nie bei ihm gemeldet hatte. Senna hatte einen kurzen Moment
nachgedacht, wie er das oft zu tun pflegte wenn ihm eine Antwort wichtig war und
hat dann gesagt: "Ja, das kann ich aus seiner Sicht verstehen. Das war ein
Fehler von mir. Der Unfall hat mich damals selbst unheimlich beschäftigt, aber
ich habe wohl einfach nicht daran gedacht, dass es für Johnny so einen
Unterschied machen würde, wenn ich mich bei ihm gemeldet hätte. Sorry, aber man
macht nicht immer alles richtig."
Kurz vor halb zwei, bevor er zum letztenmal ins Auto steigt, steht er lange in
der Box, leicht auf den Heckflügel des Williams gestützt, verlorener Blick,
Emotionen spiegeln sich in seinem Gesicht. Das ist nicht die normale, ruhige
Konzentrationsphase wie man sie von ihm kennt. In der Startaufstellung nimmt er
noch einmal den Helm ab. Auch hier: Emotionen, Anspannung, viel Verkrampfung im
Gesicht. Anders als sonst, vor allem wenn man jetzt die Bilder sieht. Nur
einmal, als sein Freund Gerhard berger als Ferrari Pilot bei der
Fahrervorstellung durch den Streckensprecher mit Abstand den meisten Applaus
bekommt, lacht er herzlich. Später, als Williams Konstrukteur Patrick Head kurz
mit ihm spricht, noch einmal die Andeutung eines Lächelns. Als er den Helm
aufsetzt, ist er schon lange wieder weg.
Den Start gewinnt er, dann kommt das Pace Car wegen der Lehto-Lamy Kollision.
Dann der fliegende Neustart: Senna kann sich ein paar Meter Luft vor Michael
Schumacher verschaffen, er ist auf dem Weg zu dem, was ihm so wichtig ist:
Siegen.
Tamburello, Schicksalsplatz? Es ist 14.17 Uhr, als der Williams-Renault
plötzlich nach rechts ausbricht, geradeaus in die Mauer fliegt, ein brutaler
Aufschlag, dann zurückgeschleudert wird, liegenbleibt. Entsetzen, die ganz kurze
Hoffnung als sich der gelbe Helm im Cockpit noch einmal bewegt, und dann das
langsame Erkennen der wahrscheinlichen Realität. Ärzte, Blut, Helikopter, die
 |
Klinik in Bologna, die Nachrichten von den schweren
Kopfverletzungen, die auch die letzte Illusion zerstören. Den offiziellen
Todeszeitpunkt gibt das Maggiore Krankenhaus in Bologna mit 18.40 Uhr an.
Was bleibt sind Leere, Fragen und Wut. Wut auf die gnadenlose Taktlosigkeit von
FOCA Chef Bernie Ecclestone, der schon zehn Minuten nach dem Unfall kalt zu
Leonardo, Sennas jüngerem Bruder, sagt: "Tut mir leid, er ist tot, aber wir
werden das erst nach Ende des Rennens bekanntgeben" und dabei seelenruhig an
seinem Apfel weiterkaut.


Eater Statistiken zu Ayrton SennaAyrton
Senna da Silva
Geburtsdatum 21. März 1960
Sterbedatum 01. Mai 1994
gestorben mit
34 Jahre, 41 Tage
Zu Grands Prix gemeldet 162
Grands Prix gefahren 161
Siege 41
Pole-Positionen 65
Schnellste Rennrunden 19
Angeführte Rennen 84
Punkte (alle/nur Meisterschaft) 614 / 610
Meisterschaftsplätze WM-9. 1984 13 Punkten
WM-4. 1985 38 Punkten
WM-4. 1986 55 Punkten
WM-3. 1987 57 Punkten
Weltmeister 1988 und 90 Punkten
WM-2. 1989 60 Punkten
Weltmeister 1990 und 78 Punkten
Weltmeister 1991 und 96 Punkten
WM-4. 1992 50 Punkten
WM-2. 1993 73 Punkten
Erste Meldung /
Erster Start Beim Grand Prix Brasilien 1984
In einem Toleman-Hart TG183B
Eingesetzt von Toleman
Letzte Meldung /
Letzter Start Beim Grand Prix San Marino 1994
In einem Williams-Renault FW16
Eingesetzt von Williams
Erstmals Punkte Beim Grand Prix Südafrika 1984
In einem Toleman-Hart TG183B
Eingesetzt von Toleman
Letztmals Punkte Beim Grand Prix Australien 1993
In einem McLaren-Ford MP4/8
Eingesetzt von McLaren
|
Jahr |
Position |
Team |
Rennen |
Siege |
Pole |
FLap |
Punkte |
| 1984 |
9 |
Toleman
Hart |
14 |
0 |
0 |
1 |
13 |
| 1985 |
4 |
Lotus
Renault |
16 |
2 |
7 |
3 |
38 |
| 1986 |
4 |
Lotus
Renault |
16 |
2 |
8 |
0 |
55 |
| 1987 |
3 |
Lotus
Honda |
16 |
2 |
2 |
3 |
57 |
| 1988 |
1 |
McLaren
Honda |
16 |
8 |
13 |
3 |
94 |
| 1989 |
2 |
McLaren
Honda |
16 |
6 |
13 |
3 |
60 |
| 1990 |
1 |
McLaren
Honda |
16 |
6 |
10 |
2 |
78 |
| 1991 |
1 |
McLaren
Honda |
16 |
7 |
8 |
2 |
96 |
| 1992 |
4 |
McLaren
Honda |
16 |
3 |
1 |
1 |
50 |
| 1993 |
2 |
McLaren
Ford |
16 |
5 |
1 |
1 |
73 |
| 1994 |
? |
Williams Renault |
3 |
0 |
3 |
0 |
0 |
| |
|
|
161 |
41 |
65 |
19 |
614 |
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